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| Die Liese I. | [1] |
| „ „ II. | [19] |
| Der einsame Spatz | [41] |
| Nur ein Wort | [65] |
| Im neuen Hause | [89] |
| Mama muß tanzen | [131] |
| Nachbar Krippelmacher | [167] |
| Als er heimkehrte | [185] |
Die Liese.
I.
„Ja, das ist mir im Kopf geblieben, es ist wahr, Du hast Recht, ich weiß nicht, warum es so ist, aber die Leut’, denen etwas passirt ist, die habe ich nie vergessen können. Es giebt noch eine ganze Menge Bekannter aus unserer Kinderzeit, sie haben geheirathet, oder sind ledig geblieben so wie ich, sie haben Kinder bekommen, haben Glück damit gehabt oder sie sind ihnen an Kinderkrankheiten schon weggestorben, wie das so geht, es ist ihnen nichts besonderes passirt. Einer oder der Andere hat sich sogar viel erwirthschaftet und könnt’ sich die „blaue Gans“, wenn sie noch dort stehen würde, kaufen. Dasselbe Haus, wo er früher in der kleinsten Kammer gewohnt hat!... Mein Gott, er hat halt tüchtig gearbeitet und die rechte Zeit benützt. Das kommt nicht oft vor, und denjenigen, denen es passirt, denen ist es zu vergönnen.“
„Also reich geworden sind auch einige von unsern alten Nachbarn?“ fragte ich die Liese, und sie erzählte dann in ihrer behäbigen nachdenklichen Weise fort. Zuweilen sprach sie wie ein Kind, so schlicht und unklar darüber, wie die Dinge entstanden sind und warum sich Eines oder das Andere so begeben hat, wie sie es schilderte, immer aber voll von feinem Empfinden und manchmal mit dem überraschend scharfen Blick, der einsamen Menschen und besonders einsamen Frauen eigen ist, die bei regem hellem Verstand wenig Gedankenaustausch haben. Die Liese sah und sah immer wieder nach dem hin, was einmal durch seine äußere Form überraschend auf sie gewirkt hatte; sie dachte ab und zu über diese Erscheinung und fragte sich endlich: Warum ist dies oder jenes hier nicht so wie bei allen Andern?... War sie bei dieser Frage angelangt, dann schaute sie noch genauer hin, und es war dies recht ungewöhnlich bei dem unbelehrten, abgeschlossenen Mädchen; das flüchtigste Lächeln, der verschleierte Wehlaut, eine von der gewöhnlichen Umgebung unbeachtete, unbedeutende Bewegung oder Handlung wurde für sie zum richtigen Schlüssel für das Wesen derjenigen, welche ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. Sie lernte durch ihre Gedankeneinsamkeit tiefer empfinden, schärfer beobachten und schmuckloser reden wie die meisten Menschen, denen ich in jenen Lebenskreisen begegnet bin. Anfangs wunderte ich mich über ihre langsame, grübelnde Art, über ihr bohrendes Denken, ihr geistiges Festhalten an dem, was ihr als ungewöhnlich auffiel, bald aber fand ich den ihr selbst unbekannten Zug des Außergewöhnlichen in ihr selbst.
Liese ist heute vierunddreißig Jahre alt, also ein altes Mädchen, und wahrhaftig eine alte Jungfrau. Sie ist eigentlich sehr hübsch, trüge sie anstatt des grau- und schwarzgestreiften Kleides ein farbiges, und anstatt der langen glatten Blendenscheitel das aschblonde Haar aus der Stirn gestrichen. Lernte der volle Körper ein Mieder kennen, so wäre die Liese vielleicht sogar eine begehrenswerthe, weil beachtete Frauenerscheinung. So aber ging und geht das Mädchen unauffällig durch die Welt, und das Ungewöhnliche dabei ist, daß sie sich das Leben nie anders gewünscht hat. Keine Jugendschwärmerei, keine Alterversorgungs-Sehnsucht hat sie aus dem Geleise gebracht; sie sitzt am Stickrahmen ganz in derselben Weise wie ihre selige Ziehmutter, die Frau Huber, sie hinsitzen hieß, als sie ein Kind von zwölf Jahren war. Wäre die „blaue Gans“ nicht niedergerissen worden, so säße sie wohl noch an demselben Fenster, anstatt daß sie jetzt der Stelle gegenüber sitzt, in dem einzigen alten Hause, welches noch dort steht und auch in seinem neuen Aufputz noch immer an die alte Zeit gemahnt.
Ich erinnere mich noch ganz genau des Tages, an welchem Frau Huber die Liese in die „blaue Gans“ brachte. Sie mochte damals ungefähr zehn Jahre zählen, ihre Mutter war gestorben, als sie zur Welt kam, und ihr Vater war damals gerade seit vier Wochen todt. „Zwei ältere Stiefschwestern, Kinder von der ersten Frau ihres Vaters, liegen auch bei den Eltern draußen, und so wär’ das Mädchen mutterseelenallein auf der Welt, wenn ich sie nicht genommen hätt’, wer weiß, was aus ihr geworden wär’, und wer weiß, was noch aus ihr wird, sie ist ein „Charfreitagskind“, mit solchen hat man selten Glück...“
So erzählte die Frau Huber meiner Mutter und den anderen Frauen, welche bei großen Fragen maßgebende Stimmen hatten in der „blauen Gans“.
„Mußt gut thun,“ mahnten Alle, und uns Kindern wurde gesagt: „Müßt freundlich sein, daß sie kein Heimweh kriegt, sie ist noch ärmer als Ihr Alle, sie hat nicht Vater noch Mutter.“
„Und was da Alles vorgefallen ist bei der Geburt von dem Mädel, ich sage Ihnen,“ flüsterte die Frau Huber meiner Mutter zu. Wir spitzten die Ohren, aber... „die Kinder sollen im Vorhaus spielen,“ hieß es, und die ganze Schaar sammt der schwarzgekleideten Liese wurde aus der Thüre hinausgeschoben.