Als wir wieder hinein durften, sahen die Frauen alle nur die Liese an, und meine Mutter sagte nach einer Weile: „So Gott will, wird aus dem armen „Charfreitagkind“ doch ein tüchtiges Mädel, gelt?“
„Glück habe ich wenig gehabt mit solchen Kindern,“ erwiderte Frau Huber seufzend, und sie wußte ein Lied davon zu singen, denn sie war die gesuchteste „weise Frau“ der Vorstadt.
Von jenem Tage ab blieb die Liese in der „blauen Gans“, die Frau Huber wurde ihr eine gute und liebevolle Mutter, ließ sie von der geschicktesten Weißstickerin unterrichten, und so saß sie an ihren Rahmen, lernte sich ihr Brod verdienen und wurde auch richtig ein tüchtiges Mädel. Als die Frau Huber starb, hinterließ sie ihr bescheidenes Hab und Gut — ihre eigenen Söhne waren draußen in der Welt wohlhabende Leute geworden — dem Ziehkinde. Liese betrauerte sie wie ihr eigen Fleisch und Blut, sie arbeitete aber weiter wie ehedem, legte Groschen zu Groschen und blieb einsam und allein auf dem alten Flecke sitzen.
So fand ich sie fast unverändert nach Jahren wieder. Warum sie nicht geheirathet habe, erklärte sie mir dahin, daß nie ein Mann bei ihr angefragt hätte, daß ihr selbst keiner besonders gefiel, daß sie viele üble Ehen, viel Kindersorgen und Freudlosigkeit gesehen hätte, selbst bei reichen Leuten unter ihren Kunden, wie sei das nun erst unter Ihresgleichen, bei Leuten, die mit blutwenig oder gar nichts zu wirthschaften anfingen. Bei ihrer Arbeit, die gepflegte Hände erfordere, ginge es mit Waschen und Fegen, Flicken, Kochen und Kinderwarten nicht an, daß sie aber ihr Handwerk, welches sie nähre, aufgeben solle, um sich von einem Manne füttern zu lassen, das könne sie nicht begreifen; gut ist gut, sie lebe behaglich ohne Herrn und Ernährer. Die Selbständigkeit sei viel werth. „Wer nicht anders kann, dem muß man sein Recht lassen, wem es aber so besser zu Gesicht steht wie mir, der thut wohl,“ schloß sie mit ruhigem Lächeln ihre Erklärung.
Gegen solche Worte läßt sich nichts einwenden, und so leicht und einfach es klingt, so ist die Ausführung dieser simplen Grundsätze doch eine weit schwierigere, und das alte Mädchen mit dem schwarz- und graugestreiften Kleide hat weit mehr Verstand und Kraft dazu gebraucht, rüstig weiter zu leben und sich ein starkes ehrliches Herz zu erhalten, als es heute in seiner Einsamkeit und Gedankenabgeschlossenheit zu erkennen vermag.
Seit ich sie damals aufgesucht habe, begegnen wir uns im Jahre nur zweimal, und da im Theater, auf demselben Platze, wo wir als Kinder saßen... Zweimal im Jahre erlaubt sich die Liese, für ihr Geld zu weinen und zu lachen.
Am Allerseelentage wird auf allen Bühnen der Residenz ein gruseliges Rührstück gegeben, und diese erschütternde Geschichte sahen und sehen wir uns an der kleinsten Vorstadtbühne von der letzten Galerie herab alljährlich an. Wir sitzen da ganz am äußersten Ende der ersten Bank, nur durch die Mauer von dem Schnürboden getrennt. Wir hören dort Alles sehr gut, aber die Mimen müssen weit an die Lampen vor und sehr inbrünstig zu den Soffiten emporjammern, wenn wir sie von Angesicht sehen sollen, doch die Liese kann die ganze Komödie auswendig und ist gewöhnt daran, sich auf diesem Platze ungestört auszuweinen. Ich glaube sie hat dieses rührende Stück eigentlich noch nie vollständig gesehen, und da sie an dem Herkömmlichen fest hält, wird sie es wohl auch kaum jemals sehen.
Der zweite Theaterabend, an welchem wir uns, so wie an dem ersten, um fünf Uhr Nachmittags bei dem Hinterthürchen in der Seitengasse treffen, ist der Fastnacht-Montag. Der alte Mann, welcher ein halbes Dutzend einflußreicher Stellungen an jenem Theater einnimmt, läßt uns durch die kleine Thüre in einen finsteren Gang ein, dort drücken wir ihm ehrlich unser Eintrittsgeld und noch eine Kleinigkeit darüber in die Hand und klettern im Finstern den uns wohlbekannten Weg hinan. Wir und die Mäuse, die hin- und herhuschen, sind die einzigen lebenden Wesen im Zuschauerraum... Nur neben uns, auf dem Schnürboden, da rollt und knarrt und raspelt es, und auf der Bühne, die von ein paar Lampen matt beleuchtet ist, da schlürfen und traben die Theaterarbeiter herum, schleppen Versatzstücke herbei und reden nicht zu viel und nicht zu laut, es klingt alles so verdrießlich in dem wiederhallenden Saal. Der ganze Zuschauerraum ist grau eingehüllt, lange Tücher hängen nämlich von der Brüstung der letzten Galerie bis hinab zu den vornehmsten Plätzen.
Und in diesem großen leeren Raum, in dieser anheimelnden Dunkelheit saßen wir als Kinder erregt von ahnungsvollem freudigem Schauern, da sitzen wir jetzt und flüstern und haben das Gefühl, als könnten wir das, was wir reden, eigentlich doch nur hier reden.