Dieser Abend bringt aber auch Abwechslung, fast jedes Jahr wird eine andere Posse aufgeführt; und die Liese lacht, daß ihre vollen rothen Backen noch röther werden und ihre graublauen Augen sich mit Thränen füllen, sie lacht, daß die ganze Umgebung mit lacht. Denn nach und nach sind lauter alte Bekannte droben angekommen...

Die einst neben uns als Kinder saßen, sind jetzt ehrsame Kleinbürgerfrauen, Blumenmacherinnen, Handschuhnäherinnen, Stickerinnen, Waschfrauen, Kutscherfrauen, zumeist das, was ihr Mütter waren oder noch sind. Es ist eine lustige Schaar Menschen, welche noch herzlich lachen können. In den Zwischenakten aber, und wenn ich die Liese dann ein Stück heimwärts begleite, plaudern wir weiter von vergangenen Tagen, von unseren alten Bekannten und Nachbarn. Da werden gleichsam die Todten lebendig, und die Lebendigen schreiten an mir vorbei in ihrer jetzigen Kleidung und ihrem neuen Gehaben, denn die Liese hat die Begabung, mir die Menschen, von welchen wir reden, sichtbar zu machen...

Ahnte sie, welchen Diebstahl ich begehe, wenn ich oft mit ihren Worten die Geschichten unserer Nachbarn, Freunde und Feinde erzähle, sie würde große Augen machen und verdutzt schweigen. Sie weiß es aber nicht, für sie bin ich, was ich einst gewesen, als das will ich ihr wenigstens gelten, denn nur so bleibt sie, was sie mir ist, und in solchem Verkehr vermag ich sie festzuhalten bei der Schilderung irgend einer Person, welche sich ihrem Gedächtniß besonders eingeprägt hat, „weil ihr was passirt ist.“

„Stehen Dir die langen Nägel nicht im Weg’ bei einer feinen Stickerei?“ fragte sie, als ich sie das letztemal im Theater sah, ganz verwundert. Ich hatte im Eifer des Gespräches mich vergessen und meine grauen Zwirnhandschuhe abgestreift, die, wie ich mich noch erinnere, nebst einem braunen Merinokleid unsern höchsten Sonntagsputz ehemals ausmachten.

„Freilich, freilich!“ erwiderte ich verlegen, denn ich hatte plötzlich den Gedanken, die Liese sieht doch, daß die Handschuhe und das Kleid und die Art... heute doch nur Etwas wie eine Maskerade sind, wenn auch die Menschen, denen mein Aeußeres gleicht, mir lieb geblieben sind und bleiben werden mein lebelang.

„Ja, warum hast sie aber?“ meinte Liese und lächelte gelassen, ich merkte nun erst, daß sie nur meine Eitelkeit beachtet hatte... Sie drückte mit ihrer vollen weißen Hand den glatten Scheitel noch flacher an die Schläfe und sprach wieder; mit einmal aber sagte sie, ihre erste allgemeine Rede wieder aufnehmend:

„Ja, ja!... reich sind auch einige geworden von unsern alten Freunden und Bekannten... wie ich Dir schon früher erzählt hab’... aber weißt, die, die durch ihre Arbeit reich sind, die sind noch ganz so gegen Unsereinen, wie sie früher waren... wenn sie auch Zeit gehabt haben, dieweil was Rechtes zu lernen, und sich ihre Haare, weiß Gott, wie hergerichtet haben...“ sie schaute dabei fest auf den Kronleuchter, „manchmal Reden führen, die sich gescheidter anhören, als es Unsereins gewöhnt ist, lange Nägel... tragen... so wissen sie doch, was sich gehört und an was der Mensch alleweil denken soll.“

„Oho, Liese!“ dachte ich, stellte mich aber an, als verstände ich ihre Worte nur im Allgemeinen.

„Aber die Andern!... ich sag’ Dir, der Tischlerbub’, weißt, dem sein sparsamer Vater viel Geld hinterlassen hat, und der Kleinholzhändler von der schmalen Brücke, weißt noch? na Du! der hat den Haupttreffer gemacht. Heute hat er ihn gemacht, morgen hat er seinen Holzladen zugesperrt und übermorgen ist er zuerst mit einem Pferd, den nächsten Tag mit zwei und alle Tage mit einem mehr gefahren, bis er soviel Pferde vorgespannt gehabt hat, wie Tag’ in der Woche, weißt, und Alle durcheinander wie in einer Kunstreiterei, so ist er durch alle Gassen gefahren. Ein Paar Andere sitzen alleweil auf dem Altan vor dem Haus, das sie geerbt haben, alle zwei haben sie schon Gliederreißen, aber anschauen lassen sie sich doch draußen, wenn der Wind noch so stark geht. Ich muß immer lachen, wenn ich aus meiner warmen Kammer gerade hinüberschau auf die halberfrorenen neuen Hausherren. Solche Leut’ werden noch viel auszustehen haben von dem zufälligen Geld, ich mein’ der Hochmuthsteufel und die Angst, daß sie es wieder verlieren, läßt sie gar nicht ruhig schlafen. Vielleicht ist es anders. Ich denk’ mir ja allerhand, wenn der Tag lang ist; meine Arbeit braucht keine besonderen Gedanken mehr, meine Hand geht wie eine Maschine auf und ab, auf und ab, auf und ab! Da kann ich an Alles denken, was ich gehört und gesehen hab’ und noch hör... und seh!“...

Liese holte tief Athem, lauschte ein wenig mit geneigtem Kopfe nach dem Schnürboden zu, denn es war schon der letzte Zwischenakt, da hasteten die Arbeiter neben uns und es knarrte und ächzte in dem Gebälke noch lauter. Ohne mich anzublicken wandte sich Liese zu mir und seufzte leise, das war etwas seltenes bei ihr, und ich bemerkte nun auch, daß auf ihrem Gesichte eine Verzagtheit und Bekümmerniß lag, die ich von früher nicht kannte, und wenn sie bis jetzt auch breit und langsam wie immer gesprochen hatte, so klang doch etwas Fremdartiges, Besorgtes aus ihrer Rede. Sie schwieg noch eine Weile, aber ganz plötzlich, als hätte sich die alte Liese im Innersten zusammengenommen, wandte sie sich zu mir, nahm meine Hand aus meinem Schoße, drückte sie recht warm, streichelte leicht darüber hin, und dann sagte sie noch langsamer als sonst: