„An Dich denke ich auch öfter... fürcht’ mich, daß ein Allerseelentag kommen wird, wo Dir die Geschichte, die sie da unten spielen, zu dumm ist... und Du magst sie nimmer sehen...“

Auf der Bühne wurde es hinter dem Vorhange schon lebendiger, ein leises Glockenzeichen rief die Schauspieler für den letzten Akt zusammen, die Liese stockte ein wenig und schaute hinab auf das langgezogene Apollogesicht, welches den Vorhang schmückt, dann drückte sie meine Hand kräftig und wisperte beinahe Wort um Wort:

„Seit ein paar Jahren fürcht’ ich das jedesmal... Ich hab’ Dich nicht gefragt... aber wenn Du doch kommst, dann freu ich mich... über... Dich... Ich bitt’ Dich, werd’ Du nicht anders... ich mein, für Dich ist es gerade so Recht...“

Der letzte Akt hatte eben angefangen, die Liese schaute schnell auf die Bühne hinab und sprach kein Wort weiter. Sie nahm auch das Gespräch nicht wieder auf als ich sie heimbegleitete, als wir durch die alten Straßen gingen, Hand in Hand, wie in vergangenen Tagen. Diesmal lief ich bis an ihr Hausthor mit, und „Uebers Jahr!“ sagte sie lustig, als wir Abschied nahmen...

Uebers Jahr!... Der Allerseelentag kommt nun bald, und ich werde die Liese wiedersehen. Was sie aber sagen würde, wenn es einmal zu Weihnacht an ihre Thüre pochen thäte, wenn sie aufmachte und der Briefträger würde ihr ein Büchlein hineinreichen, in welchem zuerst ihre eigene Geschichte gedruckt zu lesen wäre, und dann alle jene, welche sie mir so frisch und lebendig wiedererzählt hat, daß ich sie beinahe ganz so niedergeschrieben habe, die Geschichten jener unserer Nachbarn, „denen etwas passirt ist“.

Die Liese.
II.

Die ganze Geschichte ist eigentlich sehr mühsam zusammengetragen, aus Kindererinnerungen hervorgeholt, aus halbvergessenen Erzählungen herausgehorcht.

Die Liese selbst wußte am wenigsten davon zu sagen, oder wollte sie nichts wissen?... Meine Mutter erzählte mir erst jüngst wieder, was sie seinerzeit von der Frau Huber erfahren hatte, aber in ihrer geheimnißvollen, menschenfreundlichen Wichtigthuerei mochte sich die Frau, die am meisten davon wußte, wohl auch nur auf Andeutungen eingelassen haben. Eine alte Magd des „Doktors“, der immer und von allen mit besonderer Betonung genannt wurde, die wirklich nur zufällig über meinen Weg lief, konnte von den schweren Tagen, welche ihr Herr durchmachte, wenn ihm ein Kranker starb, viel sagen. Sie erinnerte sich ganz genau an die Frau Brauner, an die Mutter der Liese, sie wußte auch, wann sie gestorben war, und welche trübe Zeit ihr „Herr Doktor“ nach diesem Todesfall hatte. Die Alte war eine vorsichtige, im Schweigen geübte Person, sie erzählte nur was sie gesehen und gehört hatte, wenn die Frau Brauner zu dem Arzt kam wegen ihres Brustübels. „Wie sie das erste Mal gekommen ist, die Frau Brauner, war sie gerade vier Wochen verheirathet, und da sagte der Doktor schon: Es steht schlimm.“

Als sie mir das erzählte, unterbrach sie sich, besann sich eine Weile wieder und dann sagte sie, bekräftigend mit dem Kopfe nickend: