Einige hundert Schritte hinter dem Trockenplatze fingen schon die Kornfelder an und zogen sich weit hinaus; wenn die zu Ende waren sah man über ein Dorf hinweg den Wald so nahe, daß man sein Rauschen zu hören meinte, wenn der Wind hergeflogen kam über das wogende Korn.
Auf dem ersten Felde also war abgemessen worden und da ging es nun frisch an’s Bauen. Nachdem sich die Kinder der „blauen Gans“ einmal darein gefunden, daß nicht nur links nebenan ein altes Haus dastehen dürfe, sondern auch rechts ein neues und noch dazu entfernteres hinkommen müsse, waren sie auch bald zufrieden, ja im Handumdrehen waren sie sogar alle bei dem Bau. Freilich gab es da ein fröhliches Getümmel für das kleine Volk, und jeden Abend wunderten sich die Alten, daß die Jungen mit heilen Gliedern heimkamen, denn ihre Keckheit wurde zugleich mit dem neuen Hause größer. Sie saßen auf den Leitern und Gerüsten, in den Fenstern und auf dem Dachboden, und als der Dachstuhl fertig gezimmert war, hockten sie mit besonderem Stolz auf den höchsten Sparren. Darunter war Eine, die sich gar bis auf den Rauchfang verstieg. Wie oft wurde die ganze Schaar von allen Ecken und Enden fortgejagt; was half es aber, sie kamen bald wieder herangeschlichen, bis endlich die Arbeiter nur mitlachen konnten, wenn sie die pfiffigen kleinen Gesichter überall hervorlauern sahen. Die Kinder armer Leute kann man schon herumklettern lassen, die wissen ja blutwenig von Gefahren: „Lern’ Dich selbst schützen“ und „Erfahrung macht klug“, wird ihnen mitgegeben, sobald sie flügge werden, wenn auch mit anderen Worten, welche nicht alle Welt versteht; die älteren unterweisen und bewachen die jüngeren in ihrer Art oder Unart, und so wächst das Zeug meist wild und gerade und gesund in die Höhe.
Ein Tannenbaum, mit bunten Schleifen aus Papier verziert, wurde nach etwa einem halben Jahr auf den Giebel gesteckt, die Werkleute kamen in ihren Sonntagskleidern, obwohl es erst Samstag war, in die Hausflur wurde ein großer Tisch gebracht, der weiß überdeckt war, volle Flaschen und leere Gläser waren genug da, und nun wurde eingeschenkt und ausgetrunken, dem Bauherrn, dem Baumeister, dem Bauleiter und den Arbeitern, Allen wurde zugejubelt, dann wurde abgeräumt, während im Hause drinnen selbst noch genietet, genagelt, gehobelt und angestrichen wurde. Schneller jedoch, als es die Nachbarn erwartet hatten, kam das Ende des lustigen Getriebes, das Haus wurde zugeschlossen, es war fertig. Später kamen noch hie und da Leute, die den eingegitterten Gartenplatz umgruben, große Gesträuche und ausgewachsene Bäume einsetzten. Besonders viel Mühe gaben sie sich mit dem Vorgarten, aber sie schlossen auch stets das Gitterthor ab, so daß die Kinder von der Straße nicht hineinkonnten, darum auch kümmerte sich bald niemand mehr um das neue Haus, es blieb wieder unbeachtet etwa ein Jahr lang.
Da kam ein Tag, an dem es drüben lebendig wurde. Zuerst fuhren große Wagen voll Möbeln vor das Gitterthor, dann kamen eine Schaar Männer, die abluden und Alles hineinschleppten; dann kam ein langer starker Herr, der den Hut schief auf dem Kopfe sitzen hatte, die Brust sehr weit herausstreckte und viel mit den Leuten herumschrie. Manchmal sang er ganz laut oder er versuchte zu singen, schüttelte den Kopf, hielt die Fingerspitzen seiner großen Hand leicht über den Mund und räusperte sich, versuchte wieder zu singen und schlug, wenn der Ton nicht aus der Kehle wollte, ungeduldig die feinen grünen Ansätze von den Sträuchern ab.
Wieder wurde das Haus zugeschlossen, der singende Herr steckte den Schlüssel ein, schaute sich sein Nachbarhaus, die „blaue Gans“, und die Kinder alle durch sein Augenglas an, kneipte das größte und hübscheste Mädchen in die Wangen und schlenderte trällernd davon.
„Aber ich bitt’ Euch, kennt’s Ihr ihn denn nimmer?!“ schrie die alte Frau Weiß verwundert.
„Wer soll es denn sein?“ fragten einige, die dem vornehmen Herrn nachgesehen hatten.
„Meinem Leopold sein Lieutenant war es. Jesus! Jesus! was aus Einem alles werden kann! jetzt ist der Hausherr!“
„Ja, die Weißin hat Recht!“ bestätigte der Laternenanzünder, „es ist der Fleischhackerbub’, der Offizier war und nachher Sänger g’worden ist, der hat’s werden können, weil sein Herr Vater ein gescheidter Mensch war. Drin’ im großen Theater hat er gesungen, aber nicht lang’,“ schloß der alte Dragoner beißend.
„Der Blank, der Blank!“ murmelte die Frau Weiß nachdenklich, „na, der muß Glück gehabt haben. Seine Alten haben sich ja auch schon zur Ruh’ gesetzt, sein reiche Leut’!“