„Der Georg Blank hat ihnen’s schon leichter gemacht, die Geldsäck’,“ spottete der Laternenanzünder, „aber reich geheirath’ hat er, die überspannte Fabrikantenstochter droben von der Hauptstraßen, die hat sich in seine Stimm’ verschossen. In die Stimm’, die hat halt nie eine ordentliche Stimm’ gehört!“

Am nächsten Tag schon kam ein festgeschlossener Wagen vor das neue Haus gefahren, aus dem stieg zuerst eine alte Jungfer. Als ihr der Hut herabfiel, sahen die Kinder, die gleich hinzugerannt waren, daß sie kahle Stellen hinter den Ohren hatte. Dem Buben, der ihr den Hut aufhob, gab sie einen tüchtigen Puff in die Rippen, dann steckte sie ihm aber das Vogelhaus in die Hand, das sie beim Aussteigen weit von sich hinweggehalten hatte. Nach ihr stieg eine verschleierte Frau aus dem Wagen, die sehr rasch durch den Vorgarten in das neue Haus ging.

Der Wagen fuhr wieder davon, das Haus war also bewohnt. Jetzt hatten die Leute aus der „blauen Gans“ über und über zu thun mit den neuen Nachbarn. Die Kinder waren rührige Boten.

„Frau Mutter! Frau Mutter! eine dicke Köchin haben’s und ein Mannsbild, das hat goldene Knöpf’ am Frack, das ist ein Bedienter, sagt die Liese, es ist aber gar nicht wahr, er hat einen Bart wie ein gnädiger Herr,“ erzählte athemlos der Kutschersohn aus dem Hinterhause.

Am meisten beneideten die Kinder aus der „blauen Gans“ das junge Ding, das im Hause hin- und herlief, die Botengänge besorgte und sich von dem alten Stubenmädchen, das Josefa hieß, auszanken ließ, wenn sie durch das Gitter heraus mit der Liese plauderte.

Die Liese erzählt noch oft, wie wohl ihr der Anblick der feineren Leute da drüben that, und sie wurde für hochmüthig verschrieen, als sie zu jeder Tageszeit hinüberlief, denn drüben wurde sie freundlich aufgenommen.

An einem Frühlingsmorgen, als sie ganz allein um das neue Haus herumstieg, sah sie die junge Hausfrau zum ersten Mal in dem Vorgarten. Die schlanke Gestalt saß dort und schaute in den klaren Himmel hinein, auf ihren blonden dichten Zöpfen lagen eine Menge Blüthen, die von den weißen Fliederbüschen niederfielen. Wie Schnee waren die kleinen weißen Sterne anzusehen... und ein so helles leichtes Kleid hatte sie an!... Die Liese stand da, hatte den Kopf zwischen die Eisenstäbe gepreßt, schaute in das junge liebe Gesichtchen und dachte:

„Hat der Laternenanzünder, der Alles weiß, halt doch gelogen, die da drin ist gar keine Frau, das ist ein Mädchen, die Frauen sehen so aus wie unsere Mütter drüben, die haben keine solchen Haare wie Goldfäden und keine dunkelrothen Lippen, und keine so großen blauen Augen, und solche kleine Hände haben sie nicht einmal gehabt, wie sie so alt waren wie ich jetzt bin. Wenn sie nur herschauen thäte...“

Als die junge Frau endlich zu ihr hinblickte, schaute sie eine Weile in das erglühende Kindergesicht, dann nickte sie und winkte der Liese, die auch frischweg zu ihr lief. Sie fragte dann, ob die Kleine aus dem Nachbarhause sei, wer Vater und Mutter wären, was die Leute in der „blauen Gans“ thäten, und dabei strich sie der Liese die Haare glatt und drückte ihre schönen rothen Lippen auf die Augen des Mädchens.