„Du bist gewiß viel hübscher als Du brav bist,“ sagte sie lachend, „denn ich kannte andere hübsche Kinder, die keine Beulen auf der Stirne hatten.“

Die Kleine wunderte sich im Stillen, daß die Frau das gleich bemerkt hatte. Am Vorabend erst war sie in einen Kampf verwickelt worden, und weil sie zu wenig dreinschlug, bekam sie mehr Hiebe als die Andern. Die Liese wurde über und über roth und ließ alle zehn Finger der Reihe nach knacken, sodaß die junge Frau sie lächelnd ansah und ihr drei große Groschen schenkte. Sie dürfte sich wohl niemals bedankt haben, denn sie rannte vor freudiger Ueberraschung spornstreichs davon, herüber in die „blaue Gans“ und zeigte erst ihrer Ziehmutter und dann der mittlerweile versammelten Jugend ihren Schatz; endlich aber wickelte sie die drei Groschen fein säuberlich in ein Stück Papier ein, legte das Päckchen in eine Nachtlichterschachtel und vergrub es an einem heimlichen Ort auf der Trockenwiese neben dem Judengarten.

Warum?

Sie weiß es heute selbst nicht mehr, vielleicht wollte sie kein Geschenk, das einem Almosen glich.

Mit der blonden Frau Blank aber war sie von jener Zeit ab gut Freund geworden und sie brachte fast alle Freistunden drüben in dem Garten zu, während die anderen größeren Mädchen auf dem Trockenplatz die Wäsche hüten mußten. Das war Ursache genug, die Liese zu beneiden.

Der Herr Blank, der Mann der Frau Anna, ging immer schon am Vormittag vom Hause fort, er sang so lange er daheim war und hielt nur inne, wenn er seine Frau zum Abschied auf die Stirne küßte und sie fragte: „Findest Du nicht, daß meine Stimme schöner und voller klingt?“ Dann sang er von dem tiefsten Ton bis zum höchsten, ohne Athem zu schöpfen.

Die Frau Anna lachte und antwortete ihm auch einmal: „Warum machst Du Dir so viel Mühe und Sorgen, was thut es auch, wenn Deine Stimme weniger voll klingt?“

„Das wirst Du nie begreifen,“ schrie er, küßte sie diesmal gar nicht und ging singend davon.

Zu Mittag kam er stets heim, und wenn er tüchtig gegessen hatte, ritt er am Nachmittag mit seinem Diener aus, und wir hörten ihn oft noch weit aus den Feldern herein singen, so eigentlich schreien. Am Abend kam er auch wieder pustend und trällernd heim, meistens aber fuhr er bald wieder davon, und oft hörten wir noch spät in der Nacht seinen Wagen vorbei rollen, und da klagte mir die Liese manchmal, wenn wir bei der Arbeit saßen:

„Siehst Du, jetzt kommt er heim und weckt mit seiner Singerei und seinem Lärm die arme Frau Anna auf.“