Er brauchte sie aber nicht zu wecken, seine Zimmer waren rechts und ihre links im Erdgeschoß, das obere Stockwerk war zur Hälfte unbenützt.

Das stille Haus mochte den Herrn Blank selbst für die wenigen Stunden langweilen, die er daheim zubrachte, und so erlebten wir, daß die halbkahle Josefa einen großen Zettel an das Gitterthor hängte, auf dem gedruckt stand, daß im Stockwerk eine Wohnung zu vermiethen sei.

„Du mußt mehr Leben im Haus haben, wenn ich nicht bei Dir sein kann, Aennchen,“ sagte Herr Blank zu seiner Frau, die nachsinnend zu ihm aufblickte.

Lange Zeit hing der Zettel im Regen und Sonnenschein draußen und kein Mensch kümmerte sich darum, endlich aber kam ein hagerer junger Mann mit einem dicken Frauenzimmer, das den Hut mit hellgrünen Federn vollgesteckt hatte, einen himmelblauen Sonnenschirm und eine grellrothe Mantille trug. Die Beiden sahen sich Alles genau an, sprachen wohl eine Stunde mit dem Herrn Blank, der sehr lustig war und während der Zeit, als er die Beiden von Gemach zu Gemach führte, nur manchmal leise sang. Dafür schrie er später um so mehr. Er kam trillernd zu seiner Frau und sagte ihr:

„Der kranke junge Mann heißt Gottfried, und das Frauenzimmer, welches ihn begleitet hat, ist seine Haushälterin Babette. Er braucht gesunde Luft und Ruhe, er wird uns nicht stören und wir ihn nicht, ich habe ihm die Wohnung gegeben.“

Damit war alles abgemacht und die Miether kamen schon am nächsten Tag und brachten einen Diener, eine Magd, einen Papagei und die Menge schwerer Kisten und Truhen mit.

Am Anfang war der Herr Gottfried noch sehr krank, da kam er wenig an die frische Luft; doch je wärmer es wurde, desto öfter kam er in den Garten, und immer watschelte die Haushälterin neben ihm her, trug sein Buch, seine Medizinflasche, seinen Ueberrock und seine Fußdecke, die sie ihm über die Kniee breitete, wenn er sich niedersetzte. Die Kinder waren schon neugierig, zu wissen, wie der kranke Herr in der Nähe anzusehen sei, und darum liefen sie alle rund um das Gitter, wenn er in den Garten kam. Die Liese wußte es genau, denn die durfte auch bei der Frau Anna sitzen bleiben, wenn er zuweilen unter den Fliederbüschen Rast hielt. Es war jedoch nichts besonderes zu sehen an ihm, ein seidenweicher blonder Bart hing ihm von beiden Wangen herab, das Gesicht war sehr weiß, die Nase gebogen und so schmal wie ein Messerrücken. Mit der Frau Anna sprach der Kranke immer sehr sanft und halblaut, so als ob Jemand in der Nähe schlafen würde, den er nicht aufwecken wolle. Die Liese hörte die Beiden gern miteinander reden, es klang viel schöner, als wenn der Herr Blank trillerte und schrie; sie sprachen zumeist von Dingen, die in Büchern standen, und das Kind hätte gern viel gelernt.

„Ist die dicke Frau mit dem gelben Schlafrock dem Herrn Gottfried seine Mutter?“ fragte sie einmal ganz verblüfft, als seine stete Begleiterin dahergerauscht kam in einem orangegelben Schlafrock, nach der Uhr sah, ihm die Medizin aufnöthigte und ihn wieder in seine Wohnung führte.