„Nein, mein Liebling, sie ist seine Haushälterin,“ sagte Frau Anna lächelnd.
„Warum denn?“
„Soll er, der Kranke, selbst seine Kleider, seine Wäsche und seinen Tisch in Ordnung halten?“
„Soll halt ein Mädel heirathen!“
Frau Anna schaute die Liese verwundert an, zu ihren Häupten aber lachte der Gottfried ganz laut, er saß am Fenster und hatte Alles gehört.
Bald kam der Kranke jeden Tag in den Garten herab und sagte oft, er habe sich lange nicht so glücklich und gesund gefühlt, wie jetzt in dem neuen Hause, und er bekam auch wirklich rosenfarbene Wangen und in dem glattrasirten Kinn ein Grübchen. Der Sommer ging hin und die Menschen hatten sich alle aneinander gewöhnt. Wenn der Hausherr daheim blieb, so spielte Herr Gottfried Zither und der schreiende Blank sang dazu. Der Liese war das nicht lieb, er hatte eine Stimme, die ihr immer bange machte, sie fürchtete, jetzt und jetzt müsse er zerplatzen, wenn er so dunkelroth im Gesichte wurde, und sie räusperte sich auch immer anstatt seiner, wenn er recht heiser krächzte. An solchen gemüthlichen Abenden konnte Herr Blank sehr viel Bier trinken, und dann erzählte er lärmend, daß er ein berühmter Sänger gewesen sei, daß kaum ein Zweiter so viel Glück beim Theater gehabt hätte als er, nur seiner Frau zu Gefallen, die eifersüchtig wie eine Mohrin sei, habe er das Theater verlassen. Durch die Muße leide aber seine Stimme.
Er probirte nach solchen Reden gleich wieder zu trillern, stützte die Hände auf den Tisch, wenn er stand, drückte die eine Wange an seinen steifen Halskragen, zog die Augen klein zusammen, hielt den Kopf schief und schaute lauernd auf seine Frau hinab.
„Jetzt ist meine Anna vernünftiger geworden. Sie weiß, was sie an mir hat. — Gelt Du? — Jetzt läßt sie mich eine Gastspielreise machen. Die Welt soll wissen, daß der Sänger Blank der Sänger Blank geblieben ist!“
Sobald er viel getrunken hatte widerholte er dieselbe Geschichte mit denselben Worten. Frau Anna erwiderte nichts, sie schaute ihn nur manchmal, wenn er sie nicht beachtete, so sonderbar an, als ob sie ihn früher noch nie gesehen hätte. Wenn er aber mit der Haushälterin des Herrn Gottfried sprach, so redete sonst niemand mit. Er sagte ihr Allerlei halb in’s Ohr, was die Andern wohl nicht verstanden haben, denn die Frau Anna schaute still auf ihre Arbeit nieder und Gottfried kaute an seinen Fingernägeln, nur die dicke Babette lachte, daß sie sich schüttelte, und die Liese saß auf ihrem Schemel und dachte über die vier Menschen nach, soweit es mit dem Denken anging.
In der ersten Zeit saß die Babette nie die langen Abende bei der Frau Anna, sie kam nur täglich, seit der Herr Blank sie selbst herbeigerufen hatte, er kümmerte sich damals nicht um die erstaunten Augen seines Weibes, die ihr weißes Kleid ganz nahe an sich zog, als sich das breite Frauenzimmer neben dem Stuhl des Herrn Gottfried zurechtsetzte.