„Die Babette ist eine sehr tüchtige Person, die einen Spaß versteht und den schwachen Menschen gut pflegt; Du brauchst ja keinen weiteren Verkehr mit ihr zu haben,“ sagte Herr Blank, als die Haushälterin den jungen Mann hinaufführte.
Nun aber blieb es so, sie kam jeden Tag herab, jedoch niemals in die Zimmer der Hausfrau. Sie veränderte sich auch immer mehr, sie wurde immer jünger. Das konnte sich die Liese nicht erklären. Mit braun- und weißgemischten Haaren war sie eingezogen, und als es Winter wurde, hatte sie beinahe gar keine weißen mehr; dabei wurde sie sehr schön weiß und roth im Gesichte und war so zusammengeschnürt, daß sie keuchte.
Als der Winter kam, war die Liese nun schon jeden Abend drüben, denn die Frau Huber war viel außer Hause, und wirklich warm eingeheizt wurde es nur in den Stuben, wo der Musikant geigte, wenn er seinen freien Abend hatte, oder beim Nachbar Krippelmacher, wenn die große Arbeit begann, oder wenn die alte Therese, die Spitalwärterin, daheim blieb und die Geschichte vom „ewigen Juden“ vorlas. So viel Leute da in eine Stube hineinkonnten pfropften sich hinein, und die Alte keifte eintönig die langen Buchseiten herunter, nur alle Fremdworte buchstabirte sie halblaut und schrie sie dann heraus, noch lauter als alle andern. Den vorhergehenden Winter hatte sie „die Geheimnisse von Paris“ in die „blaue Gans“ gebracht und damit für die Bildung der Bewohner gethan, was ihr nothwendig schien. Die Kinder schliefen freilich ein, weil es so warm und still war in der Lesestube.
„Wenn man nur wüßt, ob das wirkliche Menschen waren und ob sie noch leben oder schon alle gestorben sind,“ jammerte die Laternanzünderin, so oft die Therese eine Pause machte, weil sie ein wenig „Luftschnappen“ mußte.
Daß die Liese der alten Vorleserin durchging und in das helle warme Speisezimmer der Frau Anna schlüpfte, wurde ihr hart angeschrieben, es wurde als Widersetzlichkeit gegen die Bildungsmission der alten Therese aufgefaßt und als Hochmuth.
„Willst auch mit hinüber, Christel? — Die Frau Anna ist heut ganz allein,“ flüsterte mir die Liese einmal zu, als die Therese in der großen Waschküche vorlas. Es war so heiß, dumpf und dunkel dort, daß ich meinen schweren Kopf an die Schulter der Liese gelehnt hatte.
„Ei ja!“ zischelte ich, und wir schlichen uns hinaus und liefen vor das Thor.
Das Mondlicht machte den Weg noch viel weißer als er am Tage war, kein Lüftchen regte sich, es war so still, daß wir auf dem weichen Schnee noch unsere eigenen Schritte hörten, in dem neuen Hause rührte sich keine Seele... Langsam taumelten große Flocken von dem weißgrauen Himmel, ich hielt inne, stand mit aufgesperrtem Munde und schaute hinauf, es war alles so schön in dem fremdartigen Licht... Auch der Garten sah sich anders an als sonst, alle Zweige und Zweiglein flimmerten voll von feingezacktem Eise. Es war, als ob Alles aus dem Schaufenster des großen Zuckerbäckers in der Stadt genommen wäre, so zart-durchsichtig, wie mit glitzerndem Glas übersponnen, stand es da, und ganz oben auf jeglichem lag leicht und flaumig der weichgefiederte erste Schnee... Aber es wurde noch schöner! dort wo sie im Frühling immer saß und wo die Liese sie zum erstenmal gesehen hatte, unter den Fliederbüschen, saß wieder die Frau Anna und schaute hinauf in das Mondlicht... Auf ihren blonden Zöpfchen lagen Schneeflocken... Wie weiße Blüthen waren die kleinen Sterne anzusehen... und ein so helles Kleid hatte sie an... Als sie die Liese erblickte ging sie ihr entgegen, stäubte den Schnee leicht von sich ab, nahm die Hand des Kindes und führte sie ohne ein Wort zu reden in das Haus, ein paar Schritte ging ich hinterher, als mich aber niemand rief, kehrte ich um und trabte wieder in die heiße Waschküche.
Nicht lange ist es her, daß mir die Liese nachgrübelnd und mit feuchten Augen die Geschichte also zu Ende erzählte:...
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .