„Die Frau Anna führte mich in das Speisezimmer, da saß der Herr Gottfried ganz allein, er sprang auf als wir eintraten, wankte wie müde durch das Zimmer, nahm die Hand der Frau und küßte sie oft und oft nacheinander, sie schaute ihn starr an und ließ ihm ihre Hand, aber plötzlich bewegte sie die Finger hastig, als ob sie etwas fortschnellen wollte, und ging ohne Wort und Gruß, mich fest an der Hand haltend, in das nächste Zimmer. Dort setzte sie sich unter das lebensgroße Bild ihres Mannes, der einen Ritterhelm mit einer rothen und einer schwarzen Feder auf dem Kopfe hatte und in einen weißen Mantel zur Hälfte eingehüllt war. Das Bild sah ihm so ähnlich, daß ich fürchtete, es finge zu singen an. Die Frau Anna aber saß da so blaß wie eine Leiche, und starrte hinauf in das lächelnde freche Gesicht...
Draußen wurde die Thüre zugeschlagen und ich hörte deutlich, wie der Herr Gottfried die Treppe hinaufging; auch sie hörte es, denn sie zog mich fester an sich und stand auf, als ob sie mich als Stütze gebraucht hätte.
„Willst Du bei mir bleiben... ich fürchte mich...“ sagte sie ganz leise, und es schüttelte sie am ganzen Leibe.
Ich getraute mich kaum zu antworten und nickte ihr nur freundlich zu. Sie rief das alte Stubenmädchen, schickte es zu meiner Mutter und ließ anfragen, ob die Liese über Nacht hier drüben bleiben dürfe, der Herr sei verreist und es sei ihr bange allein... Das Alles sagte sie so gleichmäßig her, so tonlos, daß selbst die böswillige alte Person sie mitleidsvoll ansah.
Meine Mutter ließ sagen, es sei ihr eine „besondere Ehr’“, ich aber war im Innersten unwillig und doch beklommen, und wäre lieber heimgegangen, als daß ich da neben der bleichen schweigsamen Frau hinging, die mich langsam aber rastlos von einer Stube in die andere führte. Wenn wir bei dem Bilde des Herrn Blank vorbeikamen, erhob sie immer den Kopf, und einmal lächelte sie ihm sogar zu, ihr schönes Gesicht verzerrte sich aber dabei, daß sie mir wie eine Fremde erschien. Stunden mögen hingegangen sein und ich war so müde, und die Hand, welche sie fortwährend in der ihren hielt, war eiskalt und gefühllos; da kehrte sie plötzlich um und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Ich fiel in einen großen Lehnsessel und rieb meine erstarrte Hand. Jetzt aber geschah etwas, das mir vorkam, als erlebte ich ein allerschönstes Feenmärchen.
Das alte Stubenmädchen, die Josefa, kam und brachte mir zuerst sehr viel und sehr feines zu essen, süßes, saures Obst, Backwerk, alles aß ich und trank dazu etwas, das ich früher nie getrunken hatte. Dann kleidete mich die Josefa aus, steckte mich in ein langes weißes Hemd und führte mich in das Schlafzimmer der Frau Anna. Ich durfte mich in ihr Bett legen. Das will etwas sagen! — in ein Bett aus rosenfarbener Seide und Spitzen und lauter durchsichtigen Vorhängen, die von der Decke herabhingen. Auf den Vorhängen waren große Blumen und Vögel und Schmetterlinge, wenn die nicht weiß gewebt gewesen wären, hätte man glauben können sie seien lebendig. Zuerst getraute ich mich nicht ein Glied zu rühren, so weich und glatt war das Bettzeug; als ich mich aber bewegte, ging es wie in einer Schaukel, zuerst tief hinunter und dann hoch hinauf; ich kicherte in die Federdecke hinein vor Entzücken. Heute noch sehe ich mich in dem seidenen Nest liegen....
Oben sitzt ein goldener Engel, der hält alle Vorhänge in einem goldenen Ring zusammen; vor dem Bette hängt eine weiße Lampe und das ganze Zimmer ist wie vom Mondlicht überflossen. Es ist mäuschenstill, nur die Uhr tickt sachte und oben im ersten Stockwerk geht es immer auf und nieder... auf und nieder... das ist der schlürfende Schritt des Herrn Gottfried... Neben mir sitzt die Frau Anna, ihre Hände liegen auf meinem Kopf und sie schaut mit weit offenen Augen gerade vor sich hin an die Wand... Ich warte und warte, ob die Frau Anna nicht betet, da oben sitzt ja der Engel, und wie daheim fange ich an mein Nachtgebet herzusagen:
„Heiliger Schutzengel mein