Er hat sich aber diesen Lieblingswunsch nie erfüllen können, der Webstuhl hielt ihn ja fest. Das ging so fort, jahraus jahrein, und während seine Kinder heranwuchsen, verwebte er sein Leben Stück um Stück für sie. Endlich aber kam der Tag, an welchem es ihm schwer wurde, das Webschifflein hin und her zu jagen, und er ging also schon am Mittag mit seinen schweren geschwollenen Füßen hinüber zu dem Nachbar Krippelmacher.
„Das ist gescheidt, Nachbar!“ lachte der Alte und schob die Mütze auf seinem kahlen Kopf schief. „Bleiben Sie heut’ bei uns, helfen Sie mit, unsere Arbeit ist leichter als das Abzappeln am Webstuhl. Sie schauen heut’ übel aus, Nachbar, wie geht’s denn, he?“
Der Weber nickte nur dankend und saß mitten in dem Kindertrubel schier gedankenlos, er rief manchmal mit gedämpfter Stimme eins seiner kleinen Mädchen heran, streichelte ihnen die glatten blonden Köpfe, strich ihnen die Schürzen zurecht und schüttelte verstohlen ihre rothen Hände, es regte sich sogar etwas wie ein Lächeln in seinen Mundwinkeln, als die Kinder vergnügt sangen und sprangen. Am Abend in der Dämmerung rückte er näher an seinen Nachbar hin, fuhr verschüchtert und schweigend eine Weile mit den flachen Händen auf seinen Schenkeln hinauf und hinunter, und dann sagte er halblaut:
„Nachbar, ich hätt’ eine Bitt’!“
„Heraus damit!“ murmelte der Andere gutmüthig.
„Krippelmacher, da ist mein letzter Wochenlohn, unten beim Krämer bin ich mit sechs Groschen im Rückstand, noch vom Vorletzten... nachher beim Bäcker von dieser Woche, wenn Sie morgen hinschicken, möchten Sie das bezahlen für mich?... Ich werd’ morgen nicht ausgehen können.“
„Gern will ich das. Aber, Weber, ist das gar so wichtig?“ lachte der dicke Mann.
„Freilich, Nachbar Krippelmacher, denn wissen Sie...“ er unterbrach sich und fingerte betheuernd in der Luft herum, „ich hab’ mein Lebtag keine Schulden gehabt, lieber habe ich und mein seliges Weib in unsere eigenen Finger gebissen, als in ein Stück Fleisch, das nicht bezahlt war und so sollen’s auch einmal meine Kinder machen, nicht wahr Krippelmacher?“
„Freilich, freilich, Weber,“ erwiderte dieser und sah von der Seite mitleidsvoll in das grau-blasse Gesicht, das im flackernden Lampenscheine dem Manne arg verändert erschien.