„Und dann, wenn ich einmal nicht... aufstehen könnt’... liegen müßt’, Nachbar! Sie würden schon für meine Kinder den Frühstückkaffee machen lassen, gelt?... Es thät auch dazu ausreichen... Das Geld... und nachher... freilich halt... nachher...“
„Was?“
„Meine Kinder haben sonst Niemand auf der ganzen Welt als mich, Krippelmacher... Sie... sind der einzige gute Mensch...“
Das war Alles stockend, zagend und doch so feierlich hervorgebracht, daß der alte Mann die Pfeife aus dem Munde nahm, mit der Spitze rund auf die glitzernden Kripplein wies, die Augenbrauen ernsthaft in die Höhe zog, seinen Arm in den des Webers schob und so Schulter an Schulter ihm fast in’s Ohr schrie:
„Nachbar, die Welt stirbt noch lang nicht aus, und so lang es kleine Kinder giebt, wird es Weihnachten geben, und so lang es Weihnachten giebt, wird es Kripperln geben, und so lang werd’ alleweil ich die schönsten Kripperln machen, die am Markt sind und damit noch zwei Kindermagen vollstopfen können und vier Kinderhänden was Rechtes lernen in der Krippelmacherei. Da, meine Hand drauf, Nachbar Weber, und jetzt legen Sie sich ruhig schlafen.“
„Jetzt geh’ ich ruhig schlafen... Nachbar!... Vergelt’s Gott!... Ich hab’ nicht viel vorwärts können mit der Red’ mein Lebtag, g’redt hat mein seliges Weib über Alles, ich hab’ halt nur gearbeitet.“
Er trocknete sich die Stirne mit der Rückseite der Hand, nahm seine Kinder rechts und links, nickte Allen zu und ging schwerfällig wieder zurück in seine einsame Stube. Zuerst brachte er die Mädchen zu Bette, legte ihnen Alles zurecht für den morgenden Tag, streichelte ihnen immer wieder die Haare aus der Stirn und schaute in die hellen Kinderaugen, bis sie sich schlossen im Schlafe... Dann ging er langsam auf und nieder in den Strümpfen, damit er seine Mädchen nicht weckte, und endlich setzte er sich matt auf das Brett vor seinem Webstuhl und ließ das Schifflein versuchend einigemal hin- und herfliegen, das Geräusch störte ja die Seinen nicht, als sie noch ganz klein gewesen, war das Klappern und Sausen der Arbeit ihr Wiegenlied, und als sie schwere Kinderkrankheiten durchmachten, sang der Webstuhl sie gar oft in den Schlaf.
Der Mann begann rascher zu arbeiten, die rothen Flecken auf seinen Wangen traten schärfer hervor und sein Blick folgte unablässig dem Schifflein... Mit einmal ließ er die Arme sinken, fuhr nachdenklich prüfend mit den Händen über das Gewebe, dann hängte er das Schifflein aus, nahm die Scheere und schnitt vorsichtig die letzten Fäden des gewebten Stoffes durch, seine Arbeit war fertig... Aber als er die Scheere fortlegte und sich erhob, da hielt er sich fast erschreckt an den braunen Pfosten des Stuhlgerüstes fest, er drückte seine Wange an das alte Holz und streichelte es so zärtlich, wie er die geliebten Häupter seiner Kinder gestreichelt hatte, mit dem Werkzeug hat er sie ja ernährt... Und nun schritt er zu dem einzigen Schrank, der in der Stube stand, dort nahm er reines Leinenzeug und seine besten Kleider heraus, zog Alles fürsorglich an, brachte seine Haare in Ordnung und blies die Lampe aus... Dann schüttelte er das Kopfkissen eines Bettes zurecht, glättete die Decke und streckte sich auf das Lager hin, ein leichter Seufzer, schwankend zwischen Aufathmen und Schmerzgefühl, löste sich aus seiner Brust, und dann begann er zu flüstern und zu murmeln, immer ein und dasselbe, immer die demüthige und inbrünstige Bitte für seine Kinder...
Als der Mond durch das Gebälke des Webstuhles schaute, da wendete ihm der Mann sein geduldiges Gesicht zu und athmete leiser, als ob ein tröstender alter Freund zu ihm gekommen wäre.
Drüben bei dem Nachbar Krippelmacher ging es noch lustig zu, da hielten die kleinen Thonfiguren noch große Reden und die gebratenen Kartoffeln sprangen im Backofen herum vor Hitze.