»Es ist doch gut, daß ich ihn damals nicht erschlagen habe,« sagte noch lange und öfter der uralte, gleichsam immer kleiner werdende Schloßherr.

Lulu lächelte jedesmal bei dieser Rede, später lächelten auch Alfred und Julius und endlich alle, selbst der graue Lehrer, obgleich er der Schach- und Spaziergenosse des Schloßherrn geworden war.

Die weißen Mäntel spielten noch lange eine Rolle in der Familie. Nicht nur trugen Alfred und Julius, die in dem kaiserlichen Heere dienten, weiße Mäntel, sondern auch der kleinere Alfred und der kleinere Julius, die Buben Lulus, hatten im Winter, wenn sie im Schlitten über die Ebene gefahren wurden, weiße Mäntel an, die aus jenem weißen Mantel entstanden waren, den der Vater angehabt hatte, als er auf seinem Zuge begriffen war, das alte, eiserne Gitter zu suchen. Der Vater hatte mit den Waffen die weißen Mäntel abgelegt und trug jetzt im Winter dunkle und ausgezeichnete Pelze.

[Nachwort.]

Adalbert Stifter ist einer von den großen Dichtern, die einsam wie erratische Blöcke im weiten Gebiet der deutschen Literatur stehen. Diese Dichter ohne Vorläufer und ohne Nachfolger müssen von Epoche zu Epoche erst immer wiederentdeckt werden. Sie sind zu Lebzeiten wohl berühmt gewesen, aber bald verschwanden sie in den Grüften der Literaturgeschichte, um nur in Sonderlingsbibliotheken oder in den Lesebüchern der Jugend ihre Unsterblichkeit fortzufristen. Bis dann immer einmal ein Tag kam, der sie ausgrub; da blühte in seinem Licht unverwelkte Schönheit auf, das Leben des Kunstwerks strömte in die Menschen, und die Menschen waren beglückt, ein altes Erbe zu erwerben, um es zu besitzen. So ist es den Deutschen mit manchen ihrer Besten ergangen, und auch unsere Gegenwart erfährt jenes Entdeckerglück: man denke an Friedrich Hölderlins frischen Ruhm oder an Matthias Claudius und man denke an Adalbert Stifter.

Mag es auch in keiner Beziehung statthaft sein, diese drei Dichter miteinander zu vergleichen – ihr posthumes Schicksal bringt sie in eine gewisse Verwandtschaft. Als ob die Nachwelt Blick und Gefühl für die ganzen Dimensionen dieser Erscheinungen verloren gehabt hätte, wurden sie, die nicht bequem in Dichterschulen unterzubringen waren, in die Fesseln einer Formel geschlagen, und obgleich das Schlagwort kaum die Kontur des Schaffens zeichnete, den jene großen Gestalten durch die Generationen warfen, blieb es dabei. So war Hölderlin für lange Zeiten als der unglückliche Griechensänger abgetan, so ist Matthias Claudius heute noch den meisten der biedere Hausvater, der manchmal harmlose Verse gemacht hat, und Stifters Geltung beruht im allgemeinen auf einer nachsichtigen Anerkennung für den typischen Erzähler des vormärzlichen Kleinbürgertums, für den Schilderer geruhsamen Lebens mit einer behaglichen und fast pedantischen Liebe zu den kleinen Dingen der Menschen, der Natur, der Welt.

Es ist übrigens merkwürdig, daß diese drei Dichter auch eine Ähnlichkeit ihrer künstlerischen Entwicklung miteinander verbindet. Sie sind nämlich – gerade sie, die man so gern unter die sogenannten Originalgenies zählt – nur sehr allmählich im Verlauf ihres Schaffens zum Ausdruck und zur Verfestigung ihres eigensten Wesens gelangt. Hier, wo nicht der Ort ist, diese Analogie näher auszuführen, sei für Stifter etwa auf den vielsagenden Gegensatz verwiesen, der innerlich und äußerlich zwischen den »Feldblumen« und »Zwei Schwestern«[*] besteht und der den Entwicklungsgang des Erzählers überaus gut erkennen läßt. Die »Feldblumen« sind ein Frühwerk des Spätvollendeten und ihre farbenreiche, traumwirre Schönheit, ihre Überschwänglichkeit in Sprache und Empfindung ist ohne das geliebte Vorbild Jean Pauls undenkbar. Die andere der beiden Erzählungen aber ist ein Beispiel für die reifste Prosakunst Stifters, wie sie sich erst im langsamen Wachstum der Persönlichkeit ausgebildet hat. Hier ist alles still und verhalten, wo dort Leidenschaft und Sturm ist, und wie erst alles Glück und alle Schönheit ungemischt und nicht groß genug geschildert werden kann, ist später die überlegene Weisheit tätig; das Ideal bleibt gleich rein und erhaben, aber an die Stelle der Erfüllung tritt die Entsagung … Darnach würde auch der Leser der »Bunten Steine« unschwer feststellen können, daß die letzte Erzählung des Bandes nach ihrer Entstehungszeit den andern der Sammlung vorangeht: sie verrät am wenigsten die charakteristische Kunst des Dichters.

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Vom Weg und Werden Adalbert Stifters geben uns eben diese Erzählungen, welche, im Lauf eines Jahrzehnts entstanden, unter dem Titel »Bunte Steine« vereinigt sind, ein deutliches Bild. Es deckt sich wie nur immer im Schaffen eines geistigen Menschen mit dem Bild der Persönlichkeit.

Der eben erwähnte Gegensatz zwischen der frühen und der späteren Kunstform besteht notwendig auch zwischen der ungebrochenen Natur des jugendlichen und der geistigen Haltung des alternden Dichters, es ist der Gegensatz romantischer und klassischer Gesinnung. Das Stiftersche Werk ist zur künstlerischen Gestalt gewordene Überwindung dieser Polarität, und jedes seiner Teile enthüllt die ganze Problematik des Werdegangs, der ein schwerer Kampf gewesen ist; ein Kampf zwischen Geist und Natur, in dem der Sieg nur möglich war auf Kosten der verleugneten Realität. Je größer der Triumph des Künstlers war, um so tiefer mußte der Mensch leiden. Aus dem Überschwang des Gefühls, aus dem dichterischen Traum von großartigen und erschütternden Begebenheiten, aus Unfreiheit und Unbefriedigtheit, die im Jenseits der Phantasie erschaffen will, was ihr die schmerzensvolle Gegenwart vorenthält, gewinnt das Werk in zielstrebiger Anspannung eines immer entschiedener werdenden Kunstwollens seine bedeutende Form. Gewinnt es, sich bescheidend und konzentrierend, die Kraft der Liebe, seine starke und zarte Verhaltenheit, seine stille Musik, und die in sich beruhigte, klingende Harmonie.