Man muß daran erinnern, daß diese heiteren klaren Erzählungen aus einem unsagbar einsamen Leben kamen, dem kein tieferes Verständnis und Glück der Wirkung beschieden war. In Armut verlebte Stifter seine Jugend, sein ganzes Leben in ihm verhaßter Einschränkung; eine unglückliche Liebe grub ihre Spur tief in seine Seele, und in einer wenn nicht unglücklichen, so doch glücklosen Ehe gingen dreißig Jahre dahin. Kinderlosigkeit, Leid über Leid in der Familie, Erfolglosigkeit in der Berufsarbeit, Unzufriedenheit mit den politischen und seelischen Zuständen der Gesellschaft, und zuletzt die schwere Erkrankung, die zum Tode führte – das war der düstere Hintergrund, von dem sich das dichterische Werk abhebt; eine selbstgeschaffene Welt des Lebens in Freiheit, Sonne und Wohlstand, des Familienglücks und der Verwirklichung aller Ideale.
Wenn ein Zeitgenosse einst schrieb, Stifter sei wie kein zweiter mit seinen Büchern identisch, so ist das trotz des scheinbaren Widerspruches ein ebenso richtiges wie schönes Urteil. Nur ist das seinen Büchern entsprechende Dasein freilich nicht die Realität des äußeren Lebens, welches dieser stille und tätige, dieser sehnsüchtige und wenig geliebte Mensch auf Erden geführt hat. Nicht etwa, daß er wie ein weltfremder Schwärmer in einem Doppelleben, in einer Traumwelt den illusionären Ersatz für alles Entbehrte gesucht hat – so einfach, wie unsere Psychologen glauben machen wollen, wenn sie das Werden eines Künstlers und seines Werkes mit dem Wort vom Ressentiment erledigen, so einfach ist das Problem eines Dichterlebens sicherlich nicht zu lösen. Das redliche Leben jedes bedeutenden Menschen, nach seinem Ablauf überblickt, verkündet die Macht eines Gesetzes, dem die äußeren und die inneren Ereignisse dieses Daseins gehorchen mußten, um die lebendige Einheit zu gestalten. Angesichts eines solchen Lebens empfinden wir stets ehrfürchtig das Walten der höheren Notwendigkeit, in welche sich die Schicksale und Werke fügten, und keine Wissenschaft kann uns tieferes sagen, als daß hier ein Mensch auserwählt war, im Leid zu sein und im Glück und immer nur im Dienst an seinem Werk.
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Man nennt Adalbert Stifter mit Recht einen Landschaftsdichter. Die Landschaft ist das eigentliche Thema seiner Erzählungen. Sie ist nicht der Prospekt, vor dem sich das von ihr mehr oder weniger beeinflußte Ereignis abspielt, sie ist kein Akzidens mit der Aufgabe, einen äußeren Rahmen oder eine innere Stimmung zu erzeugen, sie ist der wesentliche und Hauptinhalt dieser Geschichten, und die Menschen und Ereignisse, deren Begegnungen den Stoff der Handlung geben, sind von ihr bestimmt, ja sie sind in ihrer individuellen Erscheinung nur in ihr verständlich und möglich; von der überpersönlichen Natur werden sie nicht bloß umgeben, sondern geschaffen und geleitet. Und weil diese Landschaft, die Stifter vornehmlich schildert, seine heimatliche Landschaft, eine epische ist, und Stifter wie wenig andere in der Erde seiner Heimat wurzelte, atmet in seiner Sprache der große Rhythmus dieser Höhenzüge, Ebenen und Waldberge, aus denen er kam und die ihn nie verlassen haben. Das ist aber wiederum nicht so zu verstehen, als ob er das Beispiel eines Heimatkünstlers darstelle, der seine Eigenart aus der mütterlichen Kraft der Scholle nährt und dessen Frucht nur auf dieser Scholle gedeiht. Solche Verengung aufs Bodenständige, aufs Bodenbedingte, die aus unkünstlerischen Tendenzen an vielen versucht wurde, verginge sich gegen Stifters wahre Größe. Denn dieser Provinziale, der in einem entlegenen Winkel des deutschen Sprachgebietes zu Hause war und blieb, hat mit der Kunst seiner Sprache und mit dem Wissen um alle Weiten und Tiefen der menschlichen Natur die Welt gewonnen.
Es wäre im Zusammenhang mit den »Bunten Steinen« besonders vermessen, über die Gesinnung und die Grundprinzipien der Stifterschen Kunst zu sprechen. In dem Vorwort zu diesem Buche hat er alles, was er darüber zu sagen hatte, zusammengefaßt. Fast möchte man es Friedrich Hebbel zu Dank wissen, daß er durch seine verständnislose Beurteilung der »Studien« den Anlaß zu dieser Rechtfertigungsschrift gegeben hat, die uns um ein edles, männliches und weises Bekenntnis bereichert. »Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird« … – dieser Blick auf das Totale, diese Anschauung aus der Höhe einer weltüberschauenden Weisheit widmet sich nun dem besonderen Einzelnen und setzt es Zug um Zug zum großen Bild des Alls zusammen. Wie wenig angebracht ist es doch, hier mit Unterschätzung oder gar spöttisch von Kleinmalerei zu sprechen! Aus dieser vom Transzendenten zum Irdischen, vom Allgemeinsten zum Begrenztesten gerichteten Bewegung ergibt sich das rätselhafte künstlerische Ereignis, daß – in ihrer Umkehr – jedes Stück zu einem epischen Ganzen wird; denn alles Einzelne, die Steine und Gräser des Feldes und die leisen Regungen in den Seelen der Menschen sind nur Spiegelbilder von kosmischen Zuständen und Bewegungen, welche die Welt beherrschen und bilden.
Eine kleine Erzählung wie »Granit« ist durchleuchtet von dieser großen Kunst. Da gibt es keinen Rahmen, kaum eine Handlung, keine Tendenz, alles scheint naturhafte Willkür; und doch lebt das Ganze in einer vollkommenen Verbundenheit der Motive und Sphären. Wie eine unbedeutende Anekdote aus der Kindheit zum Ausgangspunkt der Erzählung wird – man merkt es kaum –, wie sich das geschichtliche und das landschaftliche Panorama ineinander entfalten, wie die Wanderung durch das Gelände und durch die schweren alten Zeiten geht, und wie schließlich alles wieder in die Gegenwart der Kindheit zurückkehrt, halb Traum, halb Wirklichkeit, das ist epische Dichtung. Episch auch der Untergrund von Volkssagen und Geheimnis und die innige Verwobenheit von Menschen und Landschaft. Schauder der Vergangenheit dringt in den friedlichen Sommertag und die Jugend des Kindes verbindet Gewesenes und Seiendes mit aller Zukunft. Die Sprache hat die Klarheit der Gebirgsluft und ihr Gefüge ist stark und streng wie Granit.
Eine besondere Entdeckung Stifters ist die »arme Schönheit«. Es gibt keine Kreatur auf Erden, und wäre sie die geringste, die gottverlassen ist, und nicht die kahlste und kälteste Öde ist trostlos und ohne Wunder. Der wüsten, traurigen Landschaft gewinnt diese Kunst einen bezwingenden Reiz ab, und der armseligste Mensch enthüllt sich ihr in seiner natürlichen Schöne, wie der bitterlich arme Pfarrer im Kar, der Heilige im »Kalkstein«.
Was in dieser Erzählung geschildert wird, ist die Gestalt eines Menschen. Wie immer, sind auch hier die Elemente der Natur im Einklang mit den äußeren und den seelischen Vorgängen; aber nun ist es die im Mittelpunkt der Handlung stehende Person, welche die ganze Atmosphäre beherrscht. Man könnte sagen, daß sich die Atmosphäre zu dieser körperlichen Erscheinung verdichtet. Sie wird zur Gestalt, zum lebendigen Symbol; aus Einfalt und Armut wächst sie empor zu einem Bildnis der unendlichen Güte, des Heldentums und der Heiligkeit. Der Dichter spricht das freilich nicht aus, seine Worte unterdrücken vielmehr fast ängstlich jeden vollen Ton, alles schimmert nur schwach in den gebrochenen Farben und Schatten der Kalksteinheide; aber die wahrhafte Liebe zaubert aus dieser Kargheit einen luftigen Glanz, der die kahlen Hügel und das Leben in ihnen verklärt, und der die Erscheinung des Pfarrers, dieses armen Glücklichen, ewig umstrahlt.
Es ist ein allerpersönlichstes Thema, das Stifter hier anschlägt: das Hohelied der Entsagung, der opferbereiten Hingabe. Dieser Pfarrer im Kar ist ein Asket, ohne selbstquälerisch und weltflüchtig zu sein, er kasteit sich nicht um der Buße willen, sondern um durch jeden denkbaren Verzicht die Verwirklichung seines humanen Ideals zu fördern, er verleugnet sich selbst, um für die Welt und für sein Werk zu leben, ein Realist wie jeder Fromme und wie der Künstler. Und wenn er sagt, daß »jeder Mensch außer seinem Amte und Berufe noch etwas finden oder suchen soll, das er zu verrichten hat, damit er alles tue, was er in seinem Leben zu tun hat«, so ist damit dem kategorischen Imperativ der Pflicht noch ein übriges hinzugetan, eine Forderung, die nur den Frommen und den Künstler angeht. In diesem Sinne ist der Pfarrer das Gegenbild seines Dichters, und es ist unsagbar rührend, wie aus einzelnen Zügen an jener Gestalt ein Licht ins Innere des Dichters dringt. Der stille Held der Erzählung, der allem leicht entsagt hat, was das Leben erleichtert und verschönt, kann sich von dem einzigen Luxus, den er aus einer fernen Vergangenheit in Wohlstand sich bewahrt hat, von seiner feinen Wäsche nicht trennen, er leidet unter dieser Schwäche und sie macht ihn doch nur liebenswerter und ehrwürdiger. Dieser Zug setzt nun am Eingang der Geschichte ein, geht ganz behutsam durch sie hindurch, verwebt sich mit der hauchzarten Schilderung einer ersten Liebesahnung zweier junger Herzen und wird am Ende dann in den persönlichen Bereich des Erzählers gehoben. Wie er in seiner tiefen Bedeutsamkeit für das Schicksal und Wesen der Hauptfigur immer nur leise angedeutet und niemals gedeutet ist, das zeigt deutsche Prosadichtung auf einer selten erreichten Höhe.
In der Erzählung, die Stifter »Turmalin« benannt hat – ursprünglich »Der Pförtner im Herrenhause« – begibt er sich auf von ihm nicht oft betretenes Gebiet. In den wenigen Worten, die er der Geschichte vorausschickt, spricht er ihren dunklen Sinn so aus: »Es ist darin wie in einem traurigen Briefe zu entnehmen, wie weit der Mensch kommt, wenn er das Licht seiner Vernunft trübt, die Dinge nicht mehr versteht, von dem inneren Gesetze, das ihn unabwendbar zu dem Rechten führt, läßt, sich unbedingt der Innigkeit seiner Freuden und Schmerzen hingibt, den Halt verliert und in Zustände gerät, die wir uns kaum zu enträtseln wissen.« Diese Worte werden hier wiederholt um der Bedeutung willen, die ihnen für die Glaubens- und Gedankenwelt Stifters zukommt. Das Wort Schicksal ist heute ein altmodischer Begriff geworden, dessen Substrat die moderne Gewitztheit schlankweg im Körperlichen lokalisieren zu können glaubt. (Es fiele ihr gewiß nicht schwer, die Eigenart Stifterscher Charaktere aus der Analyse ihrer Kindheitserlebnisse zu erklären und den dichterischen Erlebnisprozeß als neurotische Erscheinung auszudeuten.)