Was nun vorhin von dem metaphysischen Entwicklungsgesetz gesagt wurde, daß es über dem gerade gelebten Menschenleben sichtbar waltet, das ist das religiöse Grundgefühl, aus dem der Dichter seine Gestalten zu ihren Konflikten und zu ihrer Harmonie gelangen läßt. Der Glaube an die unwandelbare Sicherheit des inneren Gesetzes, von dem der Mensch nicht ohne Gefahr lassen darf, mag dem Dichter den Ruf eines gütigen Optimisten eingetragen haben, aber solche Bezeichnung wird seiner Gesinnung nur sehr oberflächlich gerecht; sie trifft durchaus nicht die Lebensanschauung in ihrer Tiefe. Dort ist Glauben, und das fromme Vertrauen in die schicksalhafte Notwendigkeit ist der Urgrund, auf welchem die Vernunft die Formen baut, in denen der Mensch seine Maße und Ziele findet. Wer diese Bedingtheit mißachtet, wer sich der Intensität seiner Empfindungen hemmungslos überläßt, muß sich im Labyrinth der eigenen Innenwelt, die ungeformt die eigene Unterwelt ist, verlieren; er verliert sein Weltverhältnis und seine geistige Aufgabe und geht den Weg in die Nacht, die dunkelschön und rätselvoll ist wie die Farbe des Turmalins. Ein solches Schicksal zu schildern, mußte Stifter, der später den Sinn seines Dichtens vornehmlich in der sittlichen Erziehung sah, sehr angelegen sein. Aus diesem Bestreben ist die Geschichte von dem unglücklichen Ratsherrn entstanden, fast eine Novelle. Sie bewältigt freilich das Thema nicht in dem sonst erreichten Maße; es geht ein Riß durch sie, der die Einheit des Ganzen bedroht, und wir vermissen den Schein jener Überwirklichkeit, der über Stifters besten Erzählungen ausgebreitet ist. Die Darstellung bemüht sich mit Erfolg um eine gewisse Naturtreue, die gewöhnlich auf Kosten der künstlerischen Wahrheit erzielt wird. Vielleicht ist es kein Zufall, daß gerade im »Turmalin« das Landschaftliche keine Rolle spielt.

Um so reiner und selbständiger wirkt es sich im »Bergkristall« aus, der berühmten Weihnachtsgeschichte, in welcher die Schilderung der Natur in der Tat zur Handlung erhöht ist. Es ist über diese vollendete Erzählung wenig zu sagen; ihre Schönheit hat je und je den Leser beseligt. Der Dichter selbst hielt sie neben »Katzensilber« für das beste Stück der Sammlung, wenngleich er, nie zufrieden mit seinem Werk, sich die Möglichkeit wünschte, diesen Kristall noch einmal zu reinigen und zu fassen – »er könnte noch ein Diamant werden.« Man muß in der Biographie Stifters das geringfügige Begebnis nachlesen, das den Anlaß zu der Dichtung gegeben hat, in der nicht viel mehr erzählt wird, als daß zwei Kinder, im Hochgebirge wandernd, infolge eines dichten Schneefalls den Weg verfehlen und die Christnacht im Gletschereis verbringen, bis sie am Morgen gerettet werden. Aber das ist nicht mehr dargestellt, sondern das Walten der Elemente nimmt Gestalt an, die Stille der Nacht wird hörbar, wir selber sind die Kinder geworden, die da durch den heiligen Abend gehen und gehen »mit der Unablässigkeit und Kraft, die nur Kinder und Tiere haben«, und wir erleben das Wunder.

Und was soll über das Wunder dieser Sprache gesagt werden? Ihre Einfachheit enthält alle Fülle, ihre Ruhe alle Bewegtheit der Welt. Die Schilderung des Schneefalls ist schon oft verherrlicht worden; und wenn ein alter Kritiker sagte, daß das »Ja Konrad« des geduldig gläubigen Mädchens mehr bedeute als eine ganze Ostermesse von Novellen, so besteht dieses gute Urteil erst heute, in dieser Zeit der Sprachverwilderung, ganz zu Recht.

»Katzensilber« ist unter den Erzählungen dieser Sammlung am spätesten entstanden, eine rein epische Dichtung, die ihre stilistische Fortsetzung in den großen Altersromanen Stifters gefunden hat. Wenn ihr nicht derselbe Beifall beschieden war wie anderen seiner Erzählungen, so rührt das daher, daß das künstlerische Prinzip der späteren Werke unverstanden blieb. So sah man Langatmigkeit, Pedanterie und Unwirklichkeit in einer Darstellungsform, zu deren eigentlichem Wesen das gelassene Nacheinander, das tiefgründig Gründliche, Breite und Realitätssteigerung gehören. Stifter ist seinen schweren Weg unverdrossen gegangen – im »Nachsommer« ist die Höhe gewonnen und »Katzensilber« ist der Vorbote. Der Stoff dieser Geschichte vom braunen Mädchen ist karg, die Handlung fast Nebensache, alles ist zur Form verdichtet, zur Form, der der Dichter nie genug tun zu können glaubte. In dieser Erzählung stehen Sätze von einer vollkommenen Epik; es sind die langen Perioden, deren scheinbare Überflüssigkeit oft belächelt wird; so z. B. wenn der Weg beschrieben wird, der vom hohen Nußberg nach Hause führte, oder wenn der Hausrat aufgezählt oder wenn geschildert wird, wie die Mutter den Kindern, einem nach dem andern der Reihe nach, Erdbeeren auf die Teller legt – da ist das Wesen der Erzählung zum Ausdruck seiner selbst gelangt. Das Gegenständliche tritt so sehr zurück, daß z. B. die Hauptfigur in ihrer tatsächlichen Existenz völlig unerklärt bleibt, wodurch nun ein Mythisch-Geheimnisvolles leise in die Welt der Wirklichkeiten eindringt, um endlich ebenso still und rätselhaft diese Welt wieder zu verlassen. Unvergleichlich aber ist der erste Teil, in dem das Gehen der Menschenkinder, das Gehen der Jahreszeiten und der Jahre mit den einfachsten Mitteln gestaltet ist. »Wäre alles so, wie die ersten Bogen von ›Katzensilber‹, oder wie einige Partien des alten Pfarrers – was könnte das für ein Buch sein!« Das war das eigene Urteil des Dichters.

Es ist schon erwähnt worden, daß »Bergmilch« seine Eigenart am wenigsten verrät. Es ist eine früh entstandene, für eine Zeitschrift verfaßte Erzählung, die nur aus äußeren Gründen den »Bunten Steinen« angegliedert wurde. Freilich enthält auch sie manches Schöne; wie glücklich ist allein das Motiv des weißen Mantels und seiner Wirkung durchgeführt – in einer höchst kriegerischen Szene regt sich ein junges Mädchenherz und die Liebesandeutung spinnt sich unterirdisch durch die Geschichte weiter. Was aber das Auszeichnende an ihr ist, ist das Bekenntnis gegen Krieg und rohe Gewalt, für den Frieden und die Sittlichkeit, und dieses Bekenntnis gibt auch ihr einen Wert in aller Zeit. Denn Stifter, der »Seelenfrieden-Stifter«, war ein Tendenzdichter, und ein Wort von ihm verdient wiederholt zu werden, nicht nur weil es schön, sondern weil es auch für uns gesprochen ist:

»Meine Bücher sind nicht Dichtungen allein (als solche mögen sie von sehr vorübergehendem Werte sein), sondern als sittliche Offenbarungen, als mit strengem Ernst bewahrte menschliche Würde haben sie einen Wert, der bei unserer elenden, frivolen Literatur länger bleiben wird als der poetische; in diesem Sinne sind sie eine Wohltat der Zeit.«

Bruno Adler.

[*] Diese beiden Erzählungen sind als 3. Sonderdruck der dritten Auswahlreihe des »Volksverbandes der Bücherfreunde« erschienen.