Unser Prediger.

Und die Töne vermischten sich dann auch mit der Poesie. Unsere Mädchen sangen altnordische Heldenlieder; in der Kirche sang ich selbst Psalmen. Manches lustige Gesellschaftslied hörte ich, wenn Fremde bei meinen Eltern waren. Bei solchen Gelegenheiten kam zuweilen ein Canalinspector zu uns, der Schiött hieß, ein lustiger, aufgeweckter Mann, der im Stande war, einen ganzen Kreis zu beleben. Ein Mann, der meine Aufmerksamkeit auch sehr auf sich zog, war unser Prediger, Dr. später Prof. Schmidt. Sein Buch über die „Bestimmung der Thiere“ las ich mit großer Freude, als ich es später einmal als Prämie in der Schule bekam. Wir hatten vorher einen sehr ernsten und stillen Prediger, Herrn Bruun gehabt; gegen ihn stach Schmidt sehr durch sein geniales Wesen ab. Er predigte vortrefflich und begeisterte die Gemeinde; aber er scheute sich auch nicht, in gesellschaftlichen Stunden der Freude, ja sogar der unschuldigen Ausgelassenheit zu huldigen. So mußte mein Vater, wenn er Schmidt recht amüsiren wollte, ihm folgende deutsche Weise vorsingen:

Ich wollt' um tausend Thaler nicht,
Daß mir der Kopf ab wär';
So lief ich mit dem Rumpf herum,
Säh' Niemand, wer ich wär'.
Wenn ich kein Geld zum Saufen hab',
So geh ich und schneid' Besen ab;
Und lauf' die Straße auf und ab,
Und rufe, kauft mir Besen ab!
Damit ich Geld zum Saufen hab'.


Von den lustigen Einfällen des Canalinspectors Schiött entsinne ich mich nur eines; aber er konnte fast nicht den Mund aufmachen, ohne etwas Possirliches zu sagen. — Er suchte ein Mal um eine Zulage zu seiner Gage beim Kronprinzen nach. Dieser sagte im Scherz zu ihm: „Ei was, Schiött, Sie haben keine Noth, Sie gehen ja mit seidenen Strümpfen in den Halbstiefeln.“ „„Nehmen Sie sich in Acht, Ew. königl. Hoheit,““ — rief Schiött — „„es sind, hol' mich der Teufel, keine Socken an den Schäften.““


Sommergenüsse.

Im Sommer war es immer ein Festtag für mich, wenn mein Vater mich mit auf den sogenannten Entenhügel im Friedrichsberger Garten nahm, um Stachelbeeren zu pflücken. Wir hatten nur zwei Stachelbeerbüsche in unserm kleinen Garten, und trotz der jährlich wiederkehrenden Sehnsucht nach Stachelbeeren, fiel es meinem Vater doch nie ein, welche zu pflanzen. Aber auf dem Entenhügel wuchsen sie in Menge, da Keiner hinüberkommen konnte, der nicht den Schlüssel zur fliegenden Brücke hatte. Hier bekam ich die schönsten Stachelbeeren in Masse. Schlimm dagegen ging es mir ein ander Mal. Ich hatte von meiner Mutter nie Erlaubniß, auf eigene Hand weiter, als bis an die Grenze des Schloßberges zu gehen. Eines Tages, als ich auf einer Bank saß, kam der Hofgärtner Petersen vorbei und sagte: „Adam, willst Du Stachelbeeren haben?“ — „„Ja, gern.““ — „Dann komme mit!“ Ich folgte ihm den Berg hinunter in den Fruchtgarten hinein, wo er mir das herrlichste Bouquet Stachelbeerzweige, voll der schönsten Früchte, abschnitt. Mit diesem Strauß stürzte ich froh den Berg hinauf und nach Hause, um ihn meiner Mutter zu zeigen. Aber ach! das Stachelbeerbouquet hätte mich durch seine Ruthenform warnen sollen! Meine Mutter war in tödtlicher Angst wegen meiner Entfernung gewesen. Ich bekam die Ruthe! Nach überstandener Strafe und getrockneten Thränen setzte ich mich ganz getrost auf die Thürschwelle beim Bogengang hin, und pflückte meine Stachelbeeren von den Zweigen, so lange noch eine daran war.


Vogelschießen.