Eines lustigen Festes entsinne ich mich aus meiner frühen Kindheit, wo es mit mir leicht ein trauriges Ende hätte nehmen können. Es war bei einem Vogelschießen im Südfelde. Diese Schützengesellschaft hatte ihren Anfang unter den Küchenjungen gefunden, die Erlaubniß bekommen hatten, auf dem Küchenhofe mit Armbrüsten nach einem an die Planke befestigten Vogel zu schießen. Nun darf man unter den Jungen in der königlichen Küche nicht eben kleine Jungen verstehen, sondern dies waren Männer, die sich mehre Male in der Woche rasiren ließen. Einige unter ihnen waren verheirathet und hatten selbst Kinder. Die Benennung stammte aus alten Zeiten her. Diese jüngeren königlichen Köche hatten also jene Gesellschaft gegründet; die älteren nahmen daran Theil; unter ihnen waren einige, welche Aide-Köche hießen, Mundköche (die doch nicht die einzigen waren, welche für den Mund kochten), und auch der Küchenmeister, der Vornehmste, von dem ich in meiner kindlichen Einfalt nicht begriff, wie er nicht eben so vornehm, wie der Stallmeister sei, da er doch für Menschen und dieser nur für Pferde sorgte. Als diese Honeratioren hinzu kamen, nahmen auch die anderen Hofofficianten daran Theil: der Conditor, der Kammer- und Hoffourier, der Hofschreiber, der Silbermeister, der Kammerdiener und der Kammerlakai. Der Schloßverwalter und mein Vater kamen auch dazu. Nun erhielt die Gesellschaft Erlaubniß, im Südfelde zu schießen. Aber es währte nicht lange, ehe das in seiner Entstehung Geringe zu größerer Pracht überging, was leicht begreiflich ist, wenn man weiß, daß der Hoftapezirer, der auch in der Gesellschaft war, die Erlaubniß erhielt, auf königliche Rechnung Zelte aufzuschlagen. Die Köche und der Conditor lieferten kalte Küche und Confect. Beinahe hätte ich vergessen — der Mundschenk, der über den Wein verfügte, war auch dabei. Jeder suchte nach besten Kräften zu den Bedürfnissen der Gesellschaft beizusteuern. Jeder dachte, so wie der Wachtmeister im Wallenstein:

Ging es nicht aus seinen Kassen,
Sein Spruch war leben und leben lassen.

In der glänzenden Periode dieser Gesellschaft waren die Stifter bescheiden ausgetreten, während die Hofcavaliere sie mit ihrem Besuch beehrten und einzelne Schüsse thaten, so wie die Mitglieder der königlichen Familie in der dänischen Brüderschaft im Schützenhause. Zwei vortreffliche, starke Armbrüste, die mit einer Maschine gespannt werden mußten, vertraten den Büchsendienst, denn mit Pulver und Blei durfte im Südfelde nicht geschossen werden. Mit klingendem Spiele zog nun der Zug aus — und wenn man hört, daß gerade mein Vater Schützenkönig war, und mit einem grünen Band über dem Fracke voran ging, so kann man begreifen, welchen Eindruck dies auf uns Kinder machen mußte; wir waren auch geputzt und kurz bevor der Zug eröffnet wurde, nahm ich meine Schwester in einen Winkel und sagte: „Hör' mal, Sophie, weißt Du was, wenn unser Vater König ist, so müssen wir ja Prinz und Prinzessin sein.“ „„Ja““, sagte sie, „„das ist wohl nicht anders möglich.““ Indessen nahmen wir uns vor, durchaus nicht hoffährtig zu werden, sondern alle mögliche Herablassung gegen die anderen Kameraden zu zeigen, die das Schicksal nicht so hoch, wie uns gestellt hatte. Ob mich nun diese Prinzengedanken zerstreut machten, oder dies ein paar Blumen im Grase waren, welche ich pflücken wollte, genug, ich vergaß Alles, kroch unter der Schnur weg und wollte gerade auf die entgegengesetzte Seite hinüberspazieren, als ein eisenbeschlagener Bolzen, wie ein Vogel an meinem Kopfe vorübersauste. „Herr Jesus, mein Kind!“ schrie meine Mutter, welche auf einer Bank in der Nähe bei einem Zelte saß. — Mich hatte es nicht erschreckt, ich kam laufend mit Blumen in der Hand, und glaubte nur, ich solle ausgezankt werden, weil ich unter der Schnur hinweggekrochen war. Ein theilnehmender Freund brachte mir eine Tasse Eis aus dem Zelt, um mich meinen Schreck vergessen zu machen, den ich gar nicht empfunden hatte. Und während meine Mutter ihre Augen trocknete, und sie dankbar zum Himmel erhob, aß ich ganz gleichgültig mein Eis, und konnte nicht begreifen, worüber sie so gerührt war.


Ein Volksfest.

Aber von einem wirklich großen Volksfeste war ich Zeuge, ohne doch noch seine Bedeutung zu verstehen, als der Kronprinz Friedrich den Grundstein zur Freiheitssäule vor dem Westthore legte. Es war ein ungeheures Menschengewimmel, und ich konnte nicht begreifen, warum der Prinz an dem Tage, wie ein Handwerksgeselle mit Kalk und Steinen mauern solle. — Es erfreute meine kindliche Phantasie, die Säule sich erheben und mit den schönen Statuen geschmückt werden zu sehen. Ich hatte bereits eine dunkle Idee von der Kunst.

Ein herrlicher Mann, ein Freund meiner Eltern, besuchte uns häufig und sprach oft, besonders mit meiner Mutter, von Aehnlichem. Das war der Baumeister Professor Harsdorf. Ich sehe ihn noch, den freundlichen Greis in seinem grauen Rocke und mit dem dreieckigen Hute, mit dem spanischen Rohre in der Hand, kleine Locken an den Ohren und einem kleinen Zopf im Nacken. Ich entsinne mich daß er oft, aber milde und geduldig, über Schmerzen in der Seite klagte. Er schenkte meinen Eltern einige Kupferstiche für ihr Zimmer, die vier Jahreszeiten, mit französischen Versen darunter, und la bonne femme de Normandie von Ville. Ich habe sie geerbt und besitze sie noch. —


Eine Räubergeschichte.