Nachts schlief ich in dem Bette meines Vaters, wo er mich, ehe wir einschliefen, oft schalt, weil ich so unruhig lag. Diese Unruhe wuchs, je älter ich wurde, mein ganzes Leben hindurch. Ich manövrire die ganze Nacht mit den Decken, wie ein Seemann mit seinen Segeln; bald sind es zu viele, bald zu wenige. Doch stört dieses häufige Bewegen und Aufwachen durchaus nicht meine gesunde Ruhe; ich schlummere gleich wieder ein. In einer Nacht, als ich meinen Vater durch dieses Hin- und Herwerfen geweckt, meine Schelte bekommen hatte, und nun darauf lauerte, wie ich mich bald wieder unbemerkt umdrehen könnte — hörten wir, daß fern im Schlosse eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Es war eine kalte Herbstnacht. Die beiden alten Wächter lagen ziemlich fern von uns und sie waren, nebst zwei Hunden, die ganze Besatzung der Festung. Mein Vater fühlte nicht die Verpflichtung im bloßen Hemde hinauszulaufen, um sich mit Räubern herumzuschlagen, wenn dergleichen da wären. Dies war auch ohne Beispiel, und er glaubte, sein Ohr habe ihn getäuscht. In diesem Glauben bestärkte ich ihn, obgleich ich selbst es auch gehört hatte, und — wir legten uns in Gottes Namen wieder ganz ruhig hin, um einzuschlafen. — Am nächsten Morgen entdeckten wir, daß, ganz richtig, ein Einbruch in die Schloßkirche Statt gefunden habe. Ein Dieb hatte eine der Fensterstangen ausgebrochen, seine Leiter an die Kirche gestellt und einen großen, massiv silbernen Altarleuchter gestohlen. Mein Vater eilte gleich zur Stadt und gab dies vor dem Oberhofmarschall und dem Polizeidirector an. Allen Goldschmieden in der Stadt wurde es bei Zeiten mitgetheilt. Es währte nicht lange, so kam ein Soldat und wollte ein großes Stück Silber an einen Goldschmied verkaufen. Er wurde festgehalten und gestand gleich, daß er den Leuchter in der Sandgrube im Südfelde beim Norwegischen Hause verborgen habe. Nur das eine Stück war abgeschlagen. Der Leuchter wurde wieder in Stand gesetzt, und mit dem andern in Verwahrung gebracht.
Kindlicher Stolz.
Ungeachtet meine Eltern sehr mäßig lebten, so kamen im Sommer doch viele Leckerbissen aus der Küche und Conditorei des Königs zu uns. Wir bekamen oft Eis in kleinen schönen Porzellanschalen. Es vergingen viele Jahre, ehe ich wußte, daß solches Eis eigentlich kalt sein müsse, da ich es früher immer zerlaufen wie Brei bekommen hatte. Es ging mir mit diesem Eis fast wie viele Jahre später mit Schlegel's Shakespeare; die Jamben wollten mir im Anfange nicht recht munden, weil ich vorher daran gewöhnt war, den Shakespeare in der Wieland'schen und Eschenburg'schen Prosa zu lesen.
Die hübsch gekleideten Pagen, welche ihre Schule mir gegenüber in dem andern Bogengang hatten, und in ihrer prächtig rothen Tracht, mit gelben Unterkleidern, weißseidenen Strümpfen und Goldtressen jeden Tag zur Tafel hinaufgingen, interessirten mich sehr; aber sie imponirten mir nicht. Die stolze Adelsmiene, die sich in meiner Kindheit noch oft zeigte, entdeckte ich auch in dem Gesicht einiger dieser Knaben, und sie erbitterte mich. So lange ich denken kann, war es mir unmöglich, Geringschätzung zu ertragen; sie konnte mich fast rasend machen, bis ich ihr im reiferen Alter erst mit Spott und dann mit christlicher Geduld zu begegnen lernte.
Meine Mutter sagte einst, ich könne mit den Pagen wohl auch einmal spielen, wenn sie es wollten. „Kann ich denn auch Du zu ihnen sagen?“ fragte ich. „Nein, das geht nicht.“ — „Dann will ich auch nicht mit ihnen spielen.“ —
Einmal hatte einer dieser Pagen Lust bekommen, meines Vaters Garten zu besehen und fragte mich, ob er mit hineingehen dürfe. Ich antwortete gleich Ja; mit vieler Freundlichkeit führte ich ihn umher und erzählte ihm ein Weites und Breites von dem kleinen Garten. Er maß mich mit einem vornehmen Blick, und fing an, von den Herrlichkeiten seines Vaters zu sprechen; ein Wort gab das andere, er wollte seinen Rang geltend machen, und ich gab ihm einen Hieb über den Rücken, mit dem er seiner Wege ging und mich bei den Anderen verklagte. Ich ging nach Hause. Es währte nicht lange, so kam der älteste Page in seinem vollen Staate, bevor er zur Tafel ging, in unser Zimmer, klagte mich an und bat meinen Vater, den ungezogenen Jungen im Zaum zu halten, der jungen Adeligen nicht den schuldigen Respekt erweise. Ich stand im Winkel, schwieg ganz still, und dachte, was soll daraus werden? Aber wie sehr erleichterte es mein Herz, als mein Vater sagte: „Ja, mein junger Herr! darauf kann ich mich nicht einlassen; geben Sie sich mit meinem Sohne ab, so müssen Sie auch mit in den Kauf nehmen, was daraus folgt. Ich weiß nicht, wer Recht und wer Unrecht gehabt hat.“ Damit ging der Page, und als mein Vater hörte, daß der Hieb als Strafe für Mangel an schuldiger Achtung vor seiner eigenen Person gegeben war, so hatte er Nichts weiter dagegen einzuwenden.