Zu den Lehrern der Pagen gehörte auch der Dichter Samsöe; aber ich kann mich durchaus nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Ich ahnte nicht, daß mir gegenüber der Dichter wohnte, der mich einige Jahre darauf durch seine Tragödie Dyveke hinreißen würde. Und Samsöe ahnte eben so wenig, daß der kleine Junge, der da drüben spielte, nach ihm Tragödien schreiben würde.
Bernd Winckler.
Der Spielkamerad, mit dem ich am meisten umging, war Bernt Winckler, aber es war nicht Sympathie, die uns vereinigte; unsere Charactere und gewöhnlich auch unsere Ansichten waren äußerst verschieden, was auch die Ursache war, daß wir im Jünglings- und Mannesalter fast ganz aus einander kamen, obwohl wir gegenseitig stets unsere guten Eigenschaften achteten, und die Erinnerungen der Kindheit nicht selten unsere Gefühle verschmolzen. Sein außerordentlicher Witz, sein vorzügliches Gedächtniß und der bestimmte eigenthümliche Charakter übten ihre Macht auf mich aus; ich war unendlich gern in seiner Gesellschaft und wir vergnügten uns immer prächtig, so lange unsere Geister ruhig und friedlich auf einander einwirken konnten. Aber wenn er mich neckte, und wenn ich hitzig wurde — so war die Freundschaft für den Tag unterbrochen. Ich äußerte meine Gefühle stark, und wurde ungeduldig, wenn ich keine Sympathie fand; er kritisirte mich immer, und wenn ich Bitterkeit in der Kritik zu finden glaubte, — so wurde ich auffahrend und wägte nicht länger meine Worte ab. Aber ich schrieb ihm gleich Versöhnungsbriefe. Das Erste, wenn wir uns wieder sahen, war meine Frage: „G. oder F.?“ (Gutfreund oder Feind?) Und wenn er zuweilen kalt antwortete: „F.“, so ließ ich mich doch nicht abschrecken, sondern ruhte nicht eher, als bis ich ihn durch Freundlichkeit wieder gewonnen hatte. — Wir haben gewiß einen viel größeren Einfluß auf einander gehabt, als wir selbst wissen; denn indem wir beständig disputirten und mehrere Jahre hindurch uns unablässig Briefe schrieben, übten wir Mund und Feder.
Meines Vaters Umgang.
Der Umgang meines Vaters in Friedrichsberg bestand aus Winckler's Vater, dem alten Oberlandsinspector Berner, Hunäus, Dr. genannt, eigentlich nur Chirurg, und zuweilen dem Bäcker Kamphövener. Der alte Winckler war ein rüstiger, flinker, großer, hagerer Schwede, ernst in seinem Benehmen, munter und zufrieden in seinem Gemüth. Er war Gärtner gewesen, stand sich sehr gut, hatte Feld bei seinem Hause, einen prächtigen, gut gepflegten Garten, und wirthschaftete immer fleißig als Gärtner und Landmann. Er war ein großer Oekonom, und so sparsam und ordentlich, daß er, um ein einziges Beispiel anzuführen, eine Stecknadel in seinem Hemdkragen trug, die er viele Jahre eben so sorgfältig aufbewahrt hatte, wie ein Anderer seine Diamantbusennadel. Er bewohnte ein kleines unansehnliches Haus; aber es erfreute mich sehr, das Friedrichsberger Schloß mit Winckler's kleinem Zimmer zu vertauschen, wo Norcros und Drackenberger im Kupferstich über dem Büreau, besonders der Erste mit seinem langen Bart, im Gefängniß mit seinen Mäusen spielend, stets meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der alte Winckler erzählte gern von Drackenberger, der ein sehr hohes Alter erreicht hatte, und er ahmte ihm in sofern nach, als er selbst 92 Jahre alt wurde, und das Jahr vor seinem Tode eben so schnell von Friedrichsberg nach Kopenhagen ging, wie 50 Jahre vorher. Er las gern komische Romane, besonders Tom Jones und Siegfried von Lindenberg waren seine Lieblingslectüre. Mein Vater war vielseitiger und gebildeter; er war witzig und lärmend lustig, wenn Winckler ganz ernst dasaß; aber mein Vater liebte auch das Rührende und Schilderungen aus dem höhern Leben. Diese zwei Männer hatten einander sehr lieb, und die Freundschaft hielt sich so lange, wie sie zusammen lebten. Ich entsinne mich eines hübschen Zuges in dieser Beziehung vom alten Winckler. Mein Vater spielte oft als Organist bei Begräbnissen; Winckler, der einige Jahre älter, als er war, sagte einmal zu ihm: „Wenn ich sterbe, sollen Sie nicht für mich spielen; Sie sollen mich dann zum Grabe geleiten.“ Aber es geschah nicht; der Aeltere geleitete den Jüngeren zum Grabe.
Ideosynkratie.
Wenn unsere Eltern zusammen kamen und Quadrille spielten, waren der alte Berner und Hunäus der dritte und vierte Mann, wenn nicht Madame Winckler und meine Mutter eine Partie mitmachten; Berner wohnte neben Winckler. Der alte Oberlandsinspector war ein reicher Mann, ebenso wie letzterer; er besaß ein großes Haus, einen großen Garten, und wurde, da er auch der Aelteste war, stets mit einer gewissen Ehrerbietung von den Anderen behandelt. Er war ein kleiner, stiller, feiner Mann. Ich entsinne mich nicht, daß er jemals ein Wort mit mir gesprochen hätte. Hunäus war mit einem Verwandten seiner Frau verheirathet. Dieser war ein lustiger, humoristischer Mann. In jüngeren Jahren war er Schiffsarzt gewesen und nach Westindien gefahren. Jetzt hatte er ein Haus auf Friedrichsberg mit Feld und einem großen schönen Garten, und lebte theils von seinem Grundstück, theils von seiner Praxis, denn er war Arzt des Städtchens. Wenn er Einladungen für den alten Berner zu einer Quadrillepartie schrieb, so nannte er ihn stets Admiral, die Andern Capitains, und diese wurden dann von ihren Fregatten aus das Admiralschiff geladen. Er kam selten nach Kopenhagen, aber wenn er's that, so besuchte er gern einige alte westindische Freunde, wo dann alter Madeira zum Frühstück aufgetragen wurde; wenn er von da zurückkam, war er noch ein Mal so lustig, als gewöhnlich, und dann hieß es: der Doctor ist in der Stadt gewesen.