Des Küsters Schule.

Des Küsters Schule war eine Schule für Straßenjungen, deren es in meiner Kindheit viele auf Friedrichsberg gab; denn es wohnten daselbst eine Masse armer Leute, welche in der Fabrik des Meister Collin (der Vater des noch jetzt lebenden Conferenzrathes) den Spinnrocken traten. In Flicken und Lumpen mit hölzernen Schuhen kamen diese Jungen in die Schule, die wie ein Schweinestall aussah, mit ausgetretenem Steinboden und Tischen und Bänken, wie in dem schlechtesten Krug. Winckler's älterer Bruder, Henrik, der auch dort hinging, und unser Primus war, weil er alle Anderen an Jahren und Kräften überragte, schnitt tiefe Rinnen in die Tische, mit Ausläufen an den Seiten; zuweilen nahm er dann Bier mit, goß es in die Hauptrinne und nun saßen die armen Jungen mit dem Munde an den Ausläufen, um etwas von dem Bier zu bekommen, das er ihnen in dem Troge schenkte. Ich saß oft im Winter auf einer alten Lade, die in der Nähe des großen Kachelofens stand, und amüsirte mich damit, den Schnee auf der Platte schmelzen zu lassen, den ich in der Tasche von der Straße mit hereingebracht hatte. In der Schule ging unser Präceptor, Lassen, oder wenn er abwesend war, der Küster, Herr Wiebe selbst, Beide dick, in Schlafröcken, mit Nachtmützen auf dem Kopf und langen thönernen Pfeifen im Munde einher. Jeden Sonntag schrie Herr Wiebe, wie ein Kiebitz, die Psalmen in der Kirche, so daß mein Vater oft alle Register, bis zum lärmendsten hinauf, welches zur Ueberschrift Mixtur hatte, ausziehen mußte, um ihn durch die Orgel zu übertönen. Seiner Gemeinde machte der Küster Besuche in einem hellgelben Fracke, mit schwarzen Knöpfen. — Die Evangelien, Psalmen, Pontoppidan's Erklärung, Schreiben und Cramer's Rechnenbuch waren die Wissenschaften, die gepflegt wurden; doch lernten Winckler und ich auch etwas lateinische Grammatik, aber blutwenig. Herr Wiebe schrieb ein Mal in mein Schreibebuch: ora et labora, was beweist, daß sowohl er wie ich Latein verstand. Wenn der Bischof Balle oder der Probst Bast zur Visitation kamen, so wurde die Schule so gut, als möglich geschmückt. Hier bekam ich zuerst eine Idee davon, was ein Souffleur sei, wenn unsere Mentors, die außerhalb des Kreises saßen, dessen Centrum durch den Bischof oder den Probst gebildet wurde, hier und da durch ein leises In's-Ohr-Flüstern dem schwachen Gedächtniß oder der starken Unwissenheit zu Hülfe kamen. So entsinne ich mich deutlich, daß, als der Probst mich einmal lächelnd fragte, was trockenes Wasser sei und ich ihm die Antwort schuldig blieb (Oersted bliebe sie ihm vielleicht noch heute schuldig) der Küster flüsterte: „die Wolken.“ Ich wiederholte dies ins Blaue hinein, und der Probst bewunderte meinen kindlichen Scharfsinn. Ich kann nie den Schulmeister in Holberg's „Weihnachtsstube“ fragen hören: „Gevatter, wollen Sie Sprüchwörter oder Sentenzen?“ ohne mich an jene Scene zu erinnern. Solche Verstandesübungen waren damals sehr üblich. Auch die Art, dieselbe Sache dreimal mit denselben Worten zu wiederholen, um sie recht deutlich zu machen, die man in allen alten Documenten findet, und über die Holberg sich in Else David Schulmeisters Rede lustig macht, war noch in meiner Kindheit in Gebrauch, und ich entsinne mich einer oratorischen Wendung in einer Leichenpredigt sehr gut, die folgendermaßen lautete: „Drei Tugenden zeichneten diese hohe Prinzessin aus: hohe Geburt, fürstliche Abstammung und königliche Schwägerschaft.“

Bischof Balle war ein liebenswürdiger Mann, den wir bald wie eine Gottheit anbeteten, die uns vom Himmel herniederkam. Seine große Gestalt imponirte, sein Gesicht war voller Würde, Milde und Begeisterung. Die Perücke, die Krause und der lange Priesterrock unterstützten diese Eigenschaften. Es hätte mir einige Jahre früher leicht eben so gehen können, wie dem Jungen, der als er zum ersten Male in der Kirche war, in dem Glauben, daß der Priester der Herrgott sei, die Mutter beim Hinausgehen fragte: „Mutter, warum schlug denn der liebe Gott so stark auf die Kanzel?“

Als ich noch in Madame Bergau's Schule ging, und der Bischof ein Mal in der Kirche visitirte, lernte ich zum ersten Mal, was Kabale sei, denn ich, der auch dabei sein wollte, um mir ein Buch als Belohnung meines Fleißes zu erwerben, erfuhr es erst zu spät, und mußte mich daher mit einem Stück Zuckerkant begnügen, welches er, in einem Stuhle vor dem Altar sitzend, mir in den Mund steckte. Die Bauernkinder von Walby kamen auch zur Visitation. Ich entsinne mich, daß er ein Bauermädchen fragte: „Christus sagte: Weib, was habe ich mit Dir zu schaffen? — War das ein Schimpfwort? Sagte Christus im Zorn Weib zu ihr? Nein keineswegs! Weib war ein Ehrenname und ist es auch noch heute.“


Erste poetische Versuche.

Bereits in meinem neunten Jahre hatte ich einen Morgenpsalm geschrieben, welchen Herr Lassen erwischte. Gegen den Inhalt hatte er Nichts einzuwenden, aber er tadelte, daß die Verse nicht die genügende Anzahl Füße hätten, um gehen zu können. Ich wagte, das Gegentheil zu behaupten; ein Psalmenbuch wurde als Schiedsrichter vorgenommen, und nun hatte ich den Triumph, daß der Küster zugestehen mußte, gegen die Füße sei Nichts einzuwenden.


Mit Wincklers war ich oft draußen im Felde bei der Ernte; ihre Felder lagen jenseits des Friedrichsberger Gartens. Ich erstaunte darüber, verschiedene Pfosten an den Gitterthüren von Wallfischzähnen verfertigt zu sehen, und bekam hierdurch zuerst eine Vorstellung von der Größe dieser Thiere. Hie und da stehen diese Zähne noch.

Einer ganz sonderbaren Jagd entsinne ich mich aus jener Zeit. — Wincklers hatten einen großen Schober auf dem Hof, in dem viele Feldmäuse steckten. Bernt machte mir den Vorschlag, ob wir nicht Katze spielen und die Mäuse fangen sollten. Hierzu war ich gleich bereit. Wir nahmen Jeder einen Eimer auf den Schober hinauf, und indem wir nun die Garben den Leuten zuwarfen, die sie in die Scheune schaffen sollten, ergriffen wir die Mäuse, schlugen sie auf den Hacken unserer eisenbeschlagenen Stiefeln todt, und warfen sie in die Eimer, die bald gefüllt waren. Das Merkwürdigste war, daß ich, sonst mitleidig und ängstlich vor Mäusen, bei dieser Jagd, sowie die Großen bei den Kessel- und Parforcejagden, jedes andere Gefühl verloren hatte, so daß ich nur daran dachte, die Mäuse zu ergreifen und sie zu vernichten.