Wintervergnügen.
Eine meiner größten Freuden bestand darin, im Winter Schlittschuh zu laufen. Als ich die armen Jungen auf Holzschuhen auf dem Eise hinrutschen sah, dachte ich, es müsse auch ganz hübsch sein. Ich bewog meinen Vater, mir ein Paar Holzschuhe zu kaufen; aber sie waren mir zu klein und drückten mich an den Zehen. Ich wollte es nicht sagen, um sie nicht wieder hergeben zu müssen; ich hatte oft gehört, daß man Schuhzeug austreten könne und hoffte, daß sie sich schon nach dem Fuße dehnen würden, wenn ich im Schnee mit ihnen umherginge. Aber als ich mich eine Stunde lang auf dem Eise umhergetrieben hatte, mußte ich nach Haus hinken und ein Vergnügen aufgeben, das mit so vielen Schmerzen erkauft war.
Es amüsirte Winckler und mich, mit Beginn des Frühjahrs, wenn es zu thauen anfing, auf großen Stücken Eis auf dem Gemeindeteiche umherzufahren. Ein Mal, als wir bei Berner's waren, fiel ich ins Wasser und wäre beinahe in den Schlamm gesunken, aber ich kam doch glücklich heraus und in die Gesindestube, wo ich mit einigen anderen Kleidern versehen wurde, so daß die Aeltern, die darinnen saßen und Quadrille spielten, Nichts davon erfuhren.
Freuden in der Stadt.
Wie der Mensch sich nach Veränderung sehnt, und oft das Schlechtere dem Bessern vorzieht, wenn es nur neu und ungewöhnlich ist, habe ich mit mir selbst in meiner frühern Kindheit erfahren. Da war eine alte Nähmamsell, die meiner Mutter half und zuweilen auf einige Tage zu uns kam; sie hieß Mamsell Kjöbel. Sie hatte eine Freundin, die mit einem Herrn Hegelund verheirathet war, der auf Ulfeldt's Platz in Kopenhagen wohnte. Dieser Mann besuchte auch zuweilen meine Eltern. Er hatte in seiner Jugend studirt; ob er von dem alten dänischen Dichter Hegelund abstammte, weiß ich nicht; aber er sprach einmal mit meinem Vater über Holberg, was das für ein großer Dichter sei, und führte zum Beweis dafür die Zeilen aus Peder Paars an: Aurora öffnete ihr purpurfarb'nes Thor, zum Frühstück holt sie Brot, in Fett getaucht hervor. Besonders dieses „getaucht“ bewunderte er so sehr. Ein schlechterer Dichter, meinte er, würde gesagt haben: „mit Fett belegt, oder mit Fett beschmiert.“ Aber der geniale Holberg hatte es unvergleichlich schön ausgedrückt: „in Fett getaucht.“ Ich hörte auf diese ersten ästhetischen Vorlesungen mit großer Andacht, und habe später oft ähnlichen beigewohnt, wenngleich in ganz anderer Einkleidung und nach höchstverschiedenen Theorieen. Diesen Herrn Hegelund besuchten meine Schwester und ich mit der Nähmamsell ein Mal im Jahre, mitten im heißesten Sommer. Und was waren alle Rosen, Levkojen, Goldlack und Ambra Friedrichsbergs gegen den Geruch von Theer, Klipp- und Stock-Fischen, der mir aus dem Laden des Seilers entgegenströmte, während das Auge auf den glänzenden Messern, Scheeren und dem bunten Spielzeug des Kurzwaarenhändlers ruhte? Selbst der Rinnstein schien mir etwas aromatisch Anziehendes zu haben, an das ich in der freien Luft auf Friedrichsberg nicht gewöhnt war. Nun kamen wir nach Ulfeldt's Platz! Darauf erstiegen wir eine steile Treppe bis in die vierte Etage eines kleinen engen Hauses. O Gott! welche Aussicht! das war etwas ganz Anderes, als das ewige tägliche Bild von der Ostsee, Amager, Schweden und der Hauptstadt mit ihren Thürmen, den Schiffen, dem Südfeld, von den Mühlen und dem Vieh auf dem Felde. In einem engen Kreise von Fleischbänken, wo das Fleisch in prächtigen Stücken mit der reichen Blume und mit künstlichen Würfelschnitten hing, erhob sich höchst romantisch die wunderliche Säule mit der Inschrift: „Zu ewiger Schmach, Spott und Schande für den Landesverräther Corfitz Ulfeldt.“ Es setzte mich auf eine eigenthümliche Weise in das Mittelalter zurück, ja sogar nach Mexiko, wovon ich vor Kurzem gelesen hatte, und meine kindliche Phantasie spiegelte sich vor, daß rund um die Säule Menschenfleisch hing, welches dem Vizlipuzli geopfert sei. Warf ich nun einen Blick zurück in das Zimmer, so weilte er bei einer Commode, voll der schönsten Gypsfiguren, an denen sich die Bildhauer- und Malerkunst in ihrer liebenswürdigen Kindheit vor der Zeit Cimabue's zeigte. Zwerge konnten die Augen verdrehen und die Zungen herausstrecken. Zu einem grünen Papagey hatte ich besonders Lust, und wer schildert meine Freude, als die Madame ihn mir verehrte, und ich ihn auf Friedrichsberg als den einzigen Ueberrest einer lieben verschwundenen Welt bringen konnte, die sich mir erst in den Hundstagen nächsten Jahres wieder öffnen sollte, „wenn wir so lange lebten,“ wie die alte Nähmamsell sehr vorsichtig hinzufügte, wenn sie uns diese Hoffnung machte.
Wir wollten also gern nach Kopenhagen, und es war ein Fest, wenn unsere Eltern zuweilen mit uns zu ihren Freunden, zu den Weinhändlern Colstrup und Böhling und zu Herrn Leppert, dem vornehmsten Schneider der Stadt gingen. Ein Kamerad von Colstrup und Böhling, der Weinhändler Bolten, hatte sich vor Kurzem zum Baron hinaufgeschwungen, und man sprach davon, daß es vielleicht auch ihnen glücken könne. Der Handel war in jenen französischen Revolutionsjahren außerordentlich vortheilhaft. Mein Vater hatte dem Böhling ein paar Hundert zusammengesparte Reichsthaler mit in sein Geschäft gegeben, von denen er großen Gewinn hoffte; aber es ging unglücklich, die kleine Summe wurde verloren; doch wir Kinder gewannen dabei, denn lange wurden uns als Zinsen einige Flaschen Kirschwein geschickt, der vortrefflich schmeckte. In diesen Gesellschaften herrschte viel Munterkeit, Böhling war ein lustiger Mann, aber der früher erwähnte Canalinspector Schiött machte besonders viel Scherze und leuchtete als erster Stern. Wenn ich nicht irre, so kam auch zuweilen ein Bildhauer oder Bildschnitzer Köpke dorthin, welcher den Eremiten im Südfeld gemacht hatte, der sich von seinem Lager in der Hütte erhob, wenn man auf ein Brett an der Thüre trat. Er sowie der verstorbene Schauspieler Knudsen trugen viel zur geselligen Heiterkeit in dieser Zeit bei.