Reinecke Fuchs.

Madame Leppert war eine muntere Frau, die, wenn wir Kinder die ihrigen besuchten, ihren zweiten Sohn bat, uns aus dem Eulenspiegel vorzulesen. Wir selbst besaßen die dänische Thura'sche Ausgabe vom Reinecke Fuchs. Einmal tauschten wir: wir bekamen Eulenspiegel und die Anderen Reinecke Fuchs. Aber dies reuete mich doch später, der Holzschnitte wegen, wo der Löwenkönig und die Königin mit Kronen auf dem Haupte sitzen, und die Zunge weit zum Halse herausstrecken, wo der Kater Hinze mit dem Bären Braun spricht, und wo Reinecke als Kapuziner kommt, auf der Leiter steht und sich vom Galgen losschwatzt; die herrlichen Kaulbach'schen Bilder machten in den Greisesjahren kaum den Eindruck auf meine Phantasie, wie jene schlechten Holzschnitte in meiner Kindheit.


Der älteste Sohn Leppert's war Student, ein freundlicher, stiller Mensch, der an der Brust litt. Er gewann mich lieb, es that ihm leid, daß ich so lange umherlief, ohne etwas zu lernen, deßhalb nahm er mich zu sich nach Hause; ich schlief oft in der Nacht auf seinem Zimmer, er fing an, mich etwas Geographie zu lehren, und schenkte mir einen Atlas, den ich noch viele Jahre nach seinem Tode benutzte.


Die Schule in der Stadt.

Ich war zwölf Jahre alt geworden, und noch hatte man nicht daran gedacht, mich etwas Ordentliches lernen zu lassen. Bernt Winckler, dessen Vater reich war, kam in die Schule für „Bürgertugend“ in Kopenhagen und hatte freie Wohnung. Mein Vater war arm, es war ihm unmöglich, das Schulgeld und zugleich eine Wohnung für mich in Kopenhagen zu bezahlen. An meine Zukunft wurde durchaus nicht weiter gedacht; es hieß, daß ich Kaufmann werden solle. Meine Mutter hatte eine Schwester, die mit einem wohlhabenden Kaufmanne Gjerlew verheirathet war, und sie machte uns zuweilen Vormittagsbesuche und wir ihr; aber ihren Mann sahen wir niemals. Als sie einmal hörte, daß ich Kaufmann werden sollte, sagte sie spöttisch: „Ein Kaufmann ohne Geld, ist eine Violine ohne Saiten.“ Dies war der einzige Trost, den ich von ihr bekam. — Glücklicherweise traf mich der Dichter Eduard Storm einmal im Friedrichsberger Garten. Er unterhielt sich mit mir, ich gefiel ihm, und er verschaffte mir einen Freiplatz in der Efterslägtsskole („Schule für die Nachwelt“). Gleich während seines ersten Besuchs bei meinen Eltern gewann er mein ganzes Herz. Er war ein kleiner Mann mit einem hellblauen Frack und einem breitkrämpigen runden Hut. Das Haar hielt er mit einem runden Kamme, so wie Ewald aus dem Portrait, nach hinten. Die großen blauen Augen strahlten voll Kraft und Laune, er war ein Norweger aus dem Guldbrands-Thale und ein ächter sokratischer Charakter. Nur über dummen Hochmuth vermochte er zu spotten, sonst war er die Freundlichkeit und Humanität selbst. Als er meine Mutter am Spinnrade fand, lobte er ihren Fleiß und erzählte auf seine launige Weise gleich von einem vornehmen Fräulein, das er einmal auf dem Lande getroffen, wo sie ein Spinnrad gesehen und ihn gefragt hatte, was das für ein Ding sei, worauf er geantwortet hätte: „Ein Bratenwender, meine Gnädigste!“ So kam ich also in die Schule, und ein Packhausverwalter Gosch nahm mich gegen sehr billige Bedingungen in Kost.


Krankheit meiner Mutter.