Aber außer Storm hatte ich gewiß noch einem andern Manne mein Glück zu verdanken; denn wenn er nicht Storm zuerst auf mich aufmerksam gemacht und mich als Eleve der Schule vorgeschlagen hätte, so wäre es kaum geschehen. Dieser Mann war der Maurermeister Lange, Major und Chef der Bürgerartillerie. Er war ein großer, starker, wohlgewachsener Mann, mit einem schönen Gesicht, einem vortrefflichen Organ und all' der Bildung, welche vorzügliche Naturanlagen ohne wissenschaftliche Erziehung, durch den Umgang mit Menschen sich selbst zu geben vermögen. Er hatte meine Eltern lieb, denn er war ein vertrauter Freund vom Bruder meiner Mutter gewesen. Ich habe bereits von der Familie meines Vaters gesprochen, ich muß noch hinzufügen, daß seine Mutter, nach ihres zweiten Mannes, Bolt, Tode von Schleswig herüber und in das Haus zu uns kam. Es war eine stille bejahrte Bauerfrau; die neue Welt, in die sie kam, kannte sie nicht, und lernte sie auch nie kennen. Es währte lange, ehe wir Kinder sie verstanden, und sie verstand uns gar nicht, denn sie sprach nur plattdeutsch. Ich entsinne mich nichts Anderes von ihr, als daß sie großen Respect vor der Noblesse hatte, und meinen Vater einmal mit gedämpfter Stimme und tiefer Ehrerbietung von Einem fragte: „Hat er die Slötel?“ Sie meinte den Kammerherrnschlüssel. Sie war ungefähr fünf Jahr bei uns im Hause, ehe sie starb; eine stille, weiche Seele, dankbar gegen ihren Sohn und sein Weib, weil sie ihr ein sorgenfreies Alter schenkten. In demselben Jahre lag die kleine Christine in der Wiege, wie ich bereits erwähnte, mit einem Wasserkopf, wie ein Kind, welches erst zu begreifen anfängt, und mußte also in der ganzen Zelt gepflegt werden. Dies und manches Andere versetzte meine arme Mutter in einen kummervollen, schwermüthigen Zustand, — es schwächte ihre Kräfte, die sie vergebens durch augenblickliche Reizmittel zu stärken suchte, — und diese herrliche Natur ging allmälig für uns verloren. In lichten Augenblicken gab sie noch stets Beweise von dem Geiste, dem Herzen und der Tüchtigkeit, mit der die Natur sie so reich bedacht hatte. Man sah noch die Ueberreste der frühern Schönheit. Mein Vater sagte oft in Augenblicken der übertriebenen Bescheidenheit, welche stets den heftigen Aeußerungen der Ungeduld folgten: „Sie hat mehr Verstand in ihrem kleinen Finger, als ich im ganzen Körper.“
Meiner Mutter Verwandtschaft.
Es hatten übrigens manche Verhältnisse zu ihrer Betrübniß und zur Schwächung ihrer Gesundheit beigetragen. Sie hatte einen Bruder gehabt, einen sehr hübschen jungen Mann, voll von Geist und Herz. Er erlernte die Maurerprofession, wurde Geselle, und war, wie ich kürzlich berührte, des Majors Lange Jugendfreund. Lange versicherte oft, daß, wenn das folgende Unglück nicht eingetroffen wäre, Hansen es eben so weit gebracht haben würde, wie er. Aber der junge Mann fiel einmal in einem Wirthshause in die Hände von Werbern, wurde Soldat und später war es keine Möglichkeit, ihn frei zu machen, da mein Vater nicht das Lösegeld für ihn zu zahlen vermochte. Ich hatte ihn vor Augen, als ich die Scenen mit Rudolf in „Dina“ dichtete. Die älteste Schwester, meine Tante, die wohlhabende Kaufmannsfrau, muß wohl nicht im Stande gewesen sein, etwas für ihre Familie zu thun, da ihr Bruder Soldat blieb und ihre Mutter in einer öffentlichen Versorgungsanstalt starb. Aus Verzweiflung verheirathete der junge Mann sich mit einem Dienstmädchen, bekam zwei Kinder — und hatte, dem Himmel sei Dank! bereits ausgekämpft und war gestorben, als ich zu denken begann. Mein Vater besuchte die Witwe einmal mit mir in ihrer Dachwohnung; und es ist mir, als ob ich nie, weder früher noch später, eine solch' unendliche Noth gesehen hätte. Es war ein harter Winter, und sie lag mit den Kindern im Bett, um nicht zu erfrieren. Mein Vater half, so gut er konnte. Von meiner Schwester weiß ich einen schönen und edeln Zug, der viele Jahre später eintraf, und den ich bei dieser Gelegenheit erzählen will, um ihn nicht zu vergessen. Eine der Töchter, Friederike, ein liebes und sehr gutes Mädchen, sollte einen Dienst suchen, als sie erwachsen war; meine Schwester hatte sich kurz vorher mit Oersted verheirathet, der Assessor im Hof- und Staatsgericht war, jedoch nichts übrig hatte, weshalb er in den ersten Jahren den Studirenden täglich noch viele Stunden Repetitorien gab. Um Friederiken so viel als möglich Gutes zu thun, nahm meine Schwester sie in Dienst, denn anders konnte sie ihr nicht helfen; aber man kann sich nicht vorstellen, welch ein schönes Verhältniß zwischen der Frau und der Dienerin, und doch zwischen zwei Cousinen, die Du zu einander sagten, herrschte. Nie überschritt Friederike die Ehrerbietung gegen ihre Herrschaft, nie war sie undankbar oder neidisch; und Sophie behandelte sie mit der edelmüthigsten Liebenswürdigkeit, und trug durch Gespräche und Bücher zu ihrer Bildung bei, ohne ihr darum ihren Stand zuwider zu machen. Später verheirathete sie sich auch gut, ist aber jetzt todt.
Da nun das unglückliche Schicksal meines Onkels den guten Major Lange schmerzte, und er durch Maurerarbeit auf dem Friedrichsberger Schloß die Bekanntschaft meiner Eltern gemacht und oft herzlich mit meiner Mutter von ihrem unglücklichen Bruder gesprochen hatte — so gewann er wohl auch mich armen Jungen lieb, und um doch wenigstens mich zu retten, sprach er mit Storm und verschaffte mir die Freistelle in der obengenannten Schule.
Ich werde Pensionair.
Nun ging eine große Veränderung in meinem Leben vor; als ich nach Kopenhagen zum Packhausverwalter Gosch kam. Dieser Mann war in seiner Jugend mit einem reichen Herrn als Kammerdiener mehrere Jahre in Europa umhergereist, er besaß mehr als gewöhnliche Bildung und einen vortrefflichen Charakter. Alles in seinem Hause war sehr ordentlich; er hielt Blätter und Journale, die, wenn sie gelesen waren, sauber in die Presse unter hübsche Marmorsteine gelegt wurden. An seiner Wand hing eine kleine Naturaliensammlung, von der ich mich noch des Schwertes eines Schwertfisches entsinne, das ich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Kurz nach meiner Ankunft bekam er einige Kokosnüsse von Westindien. Ich hatte diese Frucht aus Robinson Crusoë kennen gelernt, und war sehr begierig auf ihre süße Milch; aber sie entsprachen nicht der Erwartung. — Da ich nicht gleich in die Schule eintreten konnte, sondern warten mußte, bis das Examen vorüber war, that Herr Gosch Alles, was er konnte, um mich vorzubereiten. Mit einigen anderen Knaben, Verwandten von Gosch, mußte ich mich im Schreiben üben. Einmal, wie wir so da saßen, kam Bruder Drees, wie wir ihn nannten, ein Student Werliin, der uns sehr lieb hatte und ein Vetter der anderen Jungen war, mit einem seiner Freunde durch das Zimmer. „Können Sie meinen Namen schreiben?“ fragte Letzterer mich freundlich. Ich schrieb Mango. „Das ist ganz richtig“, sagte er, „wenn Sie nur ein R hinzusetzen.“ Es war dies der verstorbene Major Mangor. Herr Gosch nahm mich eines Nachmittags mit, um Professor Vahl's Vorlesungen im Prinzenpalais hinter dem Schloß zu hören. Sie amüsirten mich sehr. Ich betrachtete die Klapperschlange und die Brillenschlange in dem mit Spiritus gefüllten Glase mit Neugier und Schauder. Aber wie groß damals schon die Lust bei mit war, das Theater zu besuchen, entsinne ich mich, indem ich eines Abends gedenke, als ich mit Herrn Gosch und einem Schiffscapitain aus Vahl's Vorlesungen über den Königsneumarkt ging. Als wir uns dem Theatergebäude näherten, sagte der Schiffscapitain ganz phlegmatisch: „Ich glaube, ich gehe heute in die Komödie, Adieu!“ Er ging. Mit schmachtenden, sehnsuchtsvollen Blicken schaute ich ihm nach, so lange meine Augen ihm folgen konnten; er öffnete die Thür, durch welche ich das Licht aus dem Vorsaale schimmern sah. „Gott, der Glückliche! und eine solch' himmlische Freude mußt du entbehren.“ — Ganz betrübt und muthlos folgte ich Herrn Gosch an der Reiterstatue auf Königsneumarkt vorüber in dem dunkeln Abend nach Hause.
Eintritt in die Schule.