Auch Storm bat mich, ihn im Schulgebäude in seinem hübschen Zimmer, vor welchem sich die Schlafkammer befand, zu besuchen. Hier sah ich die Jungen im Garten spielen, und freute mich sehr darauf, in eine Schule zu kommen, wo auch Spielen und Laufen gewissermaßen mit zum Unterricht gehörten. Was dies anbetraf, so war ich ziemlich vorbereitet darauf und hoffte, daß keiner meiner Kameraden mich überflügeln würde. Storm gab mir Unterricht in der Geographie. Als wir Dänemark durchgegangen waren, und er die Karte von Norwegen vornahm, sagte er mit seiner eigenthümlichen, herzergreifenden Stimme: „Nun kommen wir zu meinem Vaterland, mein Kind!“ Es währte nun nicht lange, so kam ich in die Schule, als Storm fand, daß ich genug wisse, um gleich in die dritte Klasse zu kommen. Vielleicht fand er mich auch zu groß und zu alt, um mich unter die kleinen Jungen zu setzen. Schon in der dritten Klasse ragte ich wie ein Riese hervor. Da ich in einem groben dunkelgrünen Rock ging, mit den schwarzen Haaren im Nacken, nannte man mich den Kutscher. Ich habe meinen guten Freund, jetzt verstorbenen Oberstlieutenant und Postmeister Schwarz, in Verdacht gehabt, diesen und mehrere Ehrennamen verbreitet zu haben, denn es amüsirte ihn mit seiner lustigen Eulenspiegelnatur, mir Spottnamen zu geben, um mich böse und auffahrend zu machen. Doch entsinne ich mich nicht, ihn jemals geprügelt zu haben, was doch wohl der Fall mit mehreren anderen Größern war; denn Schwarz war nur klein von Natur und schwach; ich besuchte ihn sogar und lernte dadurch seinen Vater kennen, vor dem ich eine an Adoration grenzende Ehrfurcht hatte, weil er ein sehr ausgezeichneter Schauspieler war.
Naschlust.
Ich brachte ein nicht unbedeutendes Vermögen von Friedrichsberg mit, welches ich, da ich nie mehr als zwei, oder höchstens vier Schilling besessen hatte, auszugeben eilte. Wir hatten nämlich zu Hause die Einrichtung getroffen, daß wenn wir Kinder eine kleine Büchse voll von dem Zucker sparten, den wir des Morgens zu unserm Thee erhielten, wir zwei Schilling bekamen. Ich gewöhnte mich nun daran, den Thee fast ohne Zucker zu trinken (obgleich ich ein großes Leckermaul war), und dadurch brachte ich es so weit, daß ich die kleine Zuckerbüchse voll schöner blanker neuer Zweischillingstücke bei meiner Ankunft in Kopenhagen hatte. Nun sollte man doch glauben, daß ich mit großer Sorgfalt bewahren würde, was ich so mühsam und mit so großer Selbstverleugnung gespart hatte, denn ich war keiner jener Milchbärte, die im Schlaf zu ihrem Vermögen kommen und sich deßhalb auch mit aller Macht befleißigen, es zu vergeuden, sobald sie mündig werden; ich hatte mir, wenn auch nicht mit saurem Schweiß, so doch mit süßem Mangel mein Eigenthum, wie der Geizige seinen lieben Schatz erworben. Und doch half es Nichts! In den ersten acht Tagen hatte ich, indem ich beim Spielwaarenhändler Violinen für meine neuen Kameraden, dagegen Macronen und Feigen beim Italiener für mich selbst kaufte, meine Schachtel gänzlich geleert. — Ich war besonders ein außerordentlicher Liebhaber von Feigen; wenn ich mir eine große Tüte davon gekauft hatte, pflegte ich gewöhnlich, indem ich die erste in den Mund steckte, im vollen Carriere die Straße entlang zu laufen, und ziemlich laut zu rufen: „O, glücklich' Land, das solche Feigen hat!“
Geheilte Verwegenheit.
Herr Gosch warf mir meine Verschwendung vor, als er sie erfuhr; doch — damit hatte es bald ein Ende, denn als ich nichts mehr besaß, gab ich nichts mehr aus. Aber ein anderes Spiel übte ich, das mir leicht theuer hätte zu stehen kommen können. Einmal, wie sie soeben in der vierten Etage oben im Zimmer saßen, sahen sie einen wunderlichen Gegenstand an dem Strick hängen, der vom Giebel bis auf die Erde herunterging; ich war es, der mit dem einen Fuß in dem eisernen Haken stand, und mit dem andern gegen die Wand parirte, wenn ich hin- und herschwankte, um nicht die Fensterscheiben entzwei zu schlagen. Es sah nur etwas gefährlich aus. „Ja, das will noch gar nichts heißen“, — sagte einer der Jungen zur Tante, wie wir die Frau im Hause nannten; — „aber er geht nie die Treppen hinunter, sondern rutscht immer reitend im vollen Carriere das Geländer hinab.“
Den Abend, nachdem das geschehen war, saßen wir Jungen mit Bruder Drees am Tische. Wir baten ihn, uns etwas vorzuzeichnen, denn er zeichnete hübsch. Er nahm ein Stück Papier, zeichnete eine Treppe mit einem Geländer und einen Knaben der hinabgefallen war und todt da lag. Die Eltern standen um die Leiche und rangen ihre Hände vor Verzweiflung. Er reichte mir das Bild, ohne ein Wort zu sagen. Ich betrachtete es, brach in Thränen aus, fiel ihm um den Hals und ritt seitdem nie wieder auf dem Geländer.