Sonderbare Garderobe.

Mein Vater mußte auf alle mögliche Weise sparen, und sehen, wie er mir billig Kleider verschaffen konnte. Nun hatte der königliche Garderobemeister ihm mehrere alte Kleidungsstücke verkauft, und so ging ich lange in dem hochrothen gewendeten Rock des Kronprinzen, den steifen Stiefeln des Königs, und aus einem cassirten Billardtuch hatte man mir grüne Hosen gemacht. Dies sonderbare Costüm reizte nun meine Schulkameraden, mich zu necken. Wegen der Schimpfworte, die ich hören mußte, setzte es oft Püffe; man klagte mich bei Storm an, aber er, im Vertrauen auf das fromme Gemüth, das er bei mir entdeckt zu haben glaubte, antwortete ihnen barsch: „Das ist gelogen!“ Ich erröthete, denn ich wußte, daß es nur allzu wahr sei, ließ ihn aber doch in seinem Glauben, weil ich es zu weitläufig und schwierig fand, ihm die Motive zu dieser scheinbar bösen Handlung zu erklären. Aber endlich überzeugte er sich eines Tages, da er mich und einen großen Jungen aus einer höhern Klasse im Garten sah, wie wir einander in den Haaren lagen. Gerade mitten in der Schlacht fiel die Richtung meiner Augen unter meinem linken Arm nach Storm's Fenster hinauf, und als ich daselbst ihn, als ruhigen Zuschauer mit den großen Augen entdeckte, ging es mit wie Aeneas, und ich konnte gleich dem betrunkenen Gärtner im Figaro, weder Hand noch Fuß von dem Finger rühren, der in Koch's Haaren steckte. Ich bekam ein „clamamus“, wie wir es nannten, in mein Censurbuch und war so unglücklich, es zu verlieren; zugleich aber doch so glücklich, daß mein Vater es erst sah und seinen Namen dazu setzte. Hätte ich es früher verloren, so würde Storm vielleicht geglaubt haben, daß ich das Buch fortgeworfen hätte, um der Strafe zu entgehen, und dann würde ich seine Freundschaft verloren haben, so aber kam ich mit einer Bemerkung in meinem neuen Buche davon, „ich solle es besser in Acht nehmen“. — Ich entsinne mich noch, in welcher Angst ich war, daß Storm mich in dem Verdacht der Unredlichkeit haben könne.


Der Lehrer Dickmann.

In der dritten Klasse war nur ein Lehrer, Spleth, ein ausgezeichneter Mann; er unterrichtete uns in der Geschichte, aber er war krankhaft still, ein Kantianer und nicht mit dem lebendigen Vortrage begabt, der den Kindern Lust zum Lernen giebt. Diesen besaß dagegen Dickmann in hohem Grade; aber zu ihm kamen wir erst in der zweiten Klasse. Die erste und zweite Klasse waren durch ein Vorzimmer getrennt, und geistig genommen, waren sie auch so verschieden von der unsrigen, daß man mit Recht sagen konnte, sie seien eine neue Schule, denn sie hatten lauter andere Lehrer. Dickmann hat einen großen Einfluß auf meine geistige Entwickelung gehabt; in den Jünglings- und Mannesjahren habe ich ihm zwei Gedichte gewidmet, und mit liebevollem Gefühle kehrt die Erinnerung wieder zu ihm zurück. Er war nicht groß von Wuchs, aber wohl gebaut, mit einem interessanten, schönen Gesicht, voller Feuer, Gefühl und Beweglichkeit. Er sah stolz, gutmüthig und ernst aus. — Mit Ehrerbietung trat ich in die Klasse ein, als ich dorthin avancirt war und Storm die Neuangekommenen dem ersten Lehrer der Schule vorstellte. Storm und Dickmann hatten gegenseitig große Achtung vor ihrer Tüchtigkeit und ihren Talenten; aber — obgleich sie Beide Norweger, tüchtige Köpfe und gute Menschen waren, so waren sie doch Beide grundverschieden. Dickmann stach schon gleich auf eine wunderliche Weise mit seinem Toupé und seinem kecken Zopf im Nacken gegen Storm ab, der mit seinen zurückgestrichenen Haaren, wie ein Sokrates oder Franklin dastand. Dickmann erinnerte mich immer, obgleich er kein Held war, an Heinrich IV. von Frankreich, weil dieser Dickmann's Held war. Das Chevalereske; das in manchen Beziehungen schwache und dann wieder kräftige Herz; das Ritterstolze und Leichtbewegliche; das beredte, tiefe Menschengefühl; die Begeisterung für die Liebe und den Wein; — all' dieses theilte Dickmann mit Heinrich IV. In Bezug auf sittliche Kraft stand Storm weit über Dickmann, der in Ewald's und Wessel's Schule gegangen war, sich an gewisse Freiheiten und Genüsse und daran gewöhnt hatte, sie wie eine licentia poetica zu betrachten, die sich nicht allein auf Poeten, sondern auf alle Schöngeister erstreckte. — Aber sie sympathisirten auch nicht in Schulangelegenheiten. Storm wollte, daß die Lehrer durchaus nicht schlagen sollten, sondern daß Alles durch Zeugnisse abgemacht und dann den Eltern überlassen werden müsse. Dies war Dickmann mit seinem raschen Charakter zuweilen zu weitläufig. Als wir zum ersten Mal eintraten, hielt er uns folgende Rede, die gerade nicht von der Art war, daß sie uns die Zukunft rosenfarben malte: „Es ist eine Bestimmung hier in der Schule, daß die Zöglinge keine Schläge, sondern nur schlechte Zeugnisse bekommen sollen, wenn sie ihr Pensum nicht können. Hiernach werde auch ich mich streng richten, und für Faulheit und Nachlässigkeit werde ich Euch niemals prügeln. Es ist Euer eigener Schaden und davon müssen Eure Eltern Euch curiren. Aber ich habe gehört, daß einige ungezogene Jungen unter Euch sein sollen, die zuweilen naseweis gegen die Lehrer sind. Seid Ihr es gegen mich, so bekommt Ihr Prügel! Dann ist es nämlich nicht der Lehrer, der den Schüler schlägt, sondern der erwachsene Mann, der sich von einem Jungen nicht beleidigen läßt.“ — „Habt Ihr's gehört“, sagte Dickmann — und wir hörten Alle sehr gut.

Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange ich gelebt habe, war es mir unmöglich, Dem Geringschätzung zu zeigen, dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht damit gemeint. — Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. — Er kam einmal in übler Laune in die Schule: „Setzt Euch auf Eure Plätze“, sagte er zu den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar wohlverdiente Ohrfeigen.


Knabenstreiche.

Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie man ihn sich nur wünschen kann: der geschichtlich bekannte Jürgensen, der später das Königthum Island zu gründen versuchte. Er war ein ächter Eulenspiegel — und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne besondere Bildung, erzählte uns oft alles Mögliche von den langen Reisen, die er gemacht haben wollte. Jürgensen wollte gern wissen, wo er in der Welt umher gewesen sei. „Ja“, sagte er, „hole mir eine Karte, dann werde ich es Dir zeigen.“ Nun eilte Jürgensen fort, holte eine Karte von Seeland und sagte: „„Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut, und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.““