Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache, der Svendsen hieß. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal sollte er bei der halbjährigen Prüfung examiniren, kam zu spät — war ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schüler zu: „Was ist das?“ Hiermit stieß er so stark an ein Dintenfaß, daß er es umwarf. „O, ich bitte um Verzeihung!“ rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nämlich den Schüler nach dem Unterschiede in der Physik zwischen Druck und Stoß fragen wollen. In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, daß ein Mal, während zwei Schüler sich aufopferten, sich an ihn zu drängen, ihm in die Augen zu sehen und auf Alles „Ja“ zu sagen, was er ihnen erzählte, die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebüchern schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren. Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, daß er that? Mit seinen großen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu sagen, mit der größten Verwunderung, ob dieser Unverschämtheit auf uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller Angst auf ihre Plätze; Alle liebten, achteten, fürchteten Storm, und waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben. Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten Besuch machte, daß es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzählte man, daß er ein Mal vor meiner Zeit den Schülern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem Wasser ein kleines Schiff ziehen könne. Zu dem Ende hatte er eine große Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber während die Andern auf das Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amüsirte sich Jürgensen auf eigene Hand, indem er sich bückte und so lange am Spunde der Wanne wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser gesetzt wurde.
Daß diese Tollheiten, über die man fast immer lachen mußte, Storm nicht sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jürgensen's Vater, einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war, ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn zuweilen mit eigenhändigen Schlägen, um dem Vater die Mühe zu sparen. — Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger Lector Saxtorph über Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske las über Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst über nordische Mythologie und dänische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen, ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meine Excerpte, die ich später verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde hatte der Sohn des Materialhändlers Thomsen eine seiner gewöhnlichen Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte, welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer klebrig fand, sagte er mit Ekel: „Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen Leichen gewesen.“ (Saxtorph hatte nämlich eine Woche vorher eine kleine Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir ließen Rosenstand natürlich in seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun mußte der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.
Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die Reihe kam an Jürgensen. Saxtorph fragte: „Wo sondert sich der Speichel ab?“ „„In den Nieren,““ antwortete Jürgensen. Storm, welcher wußte, daß Jürgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jürgensen kroch wieder auf die Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit Jürgensen's Nebenmann in ungestörter Gravität fort, ohne durch irgend eine Mienenveränderung ein Erstaunen über das Geschehene an den Tag zu legen.
Als Jürgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen Mädchen, die auf der Straße saß und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend nach ihr um, und sagte ganz ernst: „Pfui, Du unartiges Mädchen, wirst Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter.“ Dadurch imponirte er der kleinen Fruchthändlerin so, daß sie still schwieg, und er ging mit seinem Apfel von dannen.
Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule. Wenn er nun in der Thür von seines Vaters Hause stand, so winkte er den kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen hätte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen Tau, das er hinter dem Rücken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.