Viele Bedenklichkeiten fallen hinweg, wenn die Menschen, mit denen man gelebt hat, gestorben sind, deßhalb sind die Lebensbeschreibungen am vertraulichsten und am wenigsten zurückhaltend in den Jugendjahren des Erzählers und werden verschwiegener und vorsichtiger, je mehr sich die Zeit seiner letzterlebten Periode nähert. Was nun das betrifft, so sind Viele heimgegangen, seitdem meine erste Lebensbeschreibung erschienen; ich habe freiere Hand bekommen, ich habe auch Manches seitdem erlebt, das sich erzählen läßt, und so bin ich also im Stande, meinen Lesern jetzt eine weit vollständigere Selbstbiographie, als das erste Mal mitzutheilen.


Aus einem Stammbuche, das von meinem Großvater und Vater deutsch geschrieben ist, ziehe ich folgende Aufzeichnungen als Einleitung aus. Erst die meines Großvaters August Henrich Oehlenschläger.


Aufzeichnungen meines Großvaters.

Anno 1672 — sagt er — wurde mein seliger Vater Christoffer Oehlenschläger geboren, und nach seines Vaters, Henrich Oehlenschläger's Tode, bekam er nach ihm, von Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, dem Bischof von Eutin, den Organistenposten in Rensfeld. Anno 1696 starb mein Großvater. 1705 ging mein seliger Vater ein christliches Ehebündniß mit meiner Mutter Elisabeth Gerdes, in Schlutop geboren, ein. Anno 1715 den 2. Februar Abends zwischen 10 und 11 kam ich ans Licht und empfing durch Gottes Gnade den 6. dito die heilige Taufe. 1718 wurde mein jüngerer Bruder, Peter Christoffer, geboren. Anno 1729 den 11. December Morgens 10 Uhr schlief mein lieber Vater sanft und selig ein, und am 21. dito wurde er zu seiner Ruhestätte gebracht. Sein Leichentext war der 11. Vers des 84. Psalms: „Denn ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend. Ich will lieber der Thür hüten in meines Gottes Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Hütten.“

Der Großvater meiner Mutter väterlicherseits hieß Marcus Gerdes, wohnte in Schlutop und war ein Fischer. Ihr Großvater mütterlicherseits, Peter Hofemann, war auch Fischer. — Anno 1737 ging mein Bruder Christoffer von Lübeck fort, und ich bekam einen Brief von ihm aus Bremen, in dem er schrieb, daß er beabsichtige, nach Holland zu reisen. Von Amsterdam meldete er mir, daß er Willens sei, entweder nach Ost- oder Westindien zu gehen, daß er nach Middelburg in Zeeland reisen und bei Einem wohnen wolle, der Ludwig Korn op de Kay hieß. In Amsterdam hat er einen Kaufmann gekannt, der Conrad Spiek hieß. Ein späterer Brief meldete, daß er in Ostindien employirt werden solle, wohin er mit dem Schiffe „Wickenburg“ gegangen war, und daß er keinen unserer Briefe erhalten hätte, weil sie alle von Jochum Havemann aufgeschnappt wären. Aus Batavia erhielten wir 1739 den 30. Januar einen Brief von ihm, worin er meldete, daß er „op de Guarnisoncammer“ angestellt sei, daß er die Kinder des ersten Buchhalters informire, und daß er Hoffnung habe, Buchhalter zu werden. Unsere Briefe an ihn mußten die Aufschrift haben: „Batavia in het Casteel op de Guarnisoncammer to behandigen: Pieter Christoffel Keulensläger“. Mehre Jahre darauf in meiner Kindheit suchte mein Vater Nachrichten über diesen Oheim mit dem veränderten Namen zu erhalten, von dem das Gerücht ging, daß er ein reicher Mann in Batavia geworden sei; aber wir hörten nie Etwas von ihm.

Mein Großvater verheirathete sich zum ersten Mal 1743 mit Anna Margaretha Faasch. Mit ihr hatte er einen Sohn Joachim Joseas; die Mutter starb 1746 und das Kind ein Jahr nachher. Darauf erzählt mein Großvater: „Anno 1747 den 12. Mai ließ ich mich mit meiner herzliebsten Gattin Tolstrup kopuliren. Gott, der das Herz des Menschen beherrscht, führe uns stets auf den rechten Weg, und vermehre unsere innige Liebe von Tag zu Tage, und füge es auch so mit uns, daß wir ihm allezeit danken, und seinen heiligen Namen loben und preisen müssen, Amen! Dazu helfe uns der Herr Jesus! Amen!“

In diesem frommen Ton sind alle Aufzeichnungen abgefaßt. Anno 1748 den 31. Juli wurde mein Vater Joachim Conrad geboren. Der geheime Conferenzrath Joachim Brockdorf auf Nöer war sein Pathe, und nach ihm ist mein Vater vermuthlich genannt worden.