Aufzeichnungen meines Vaters.

Nun kommen die Aufzeichnungen meines Vaters. Aus diesen ersehe ich, daß mein Großvater 1753 als Organist in Krusendorf starb, nachdem er sein Amt zehn Jahre lang „lobenswerth und als ein guter Christ“ verrichtet hatte. Das Jahr darauf verheirathete meine Großmutter sich wieder mit Marquard Bolt, der das Amt meines seligen Großvaters bekam. 1765 kam mein Vater nach Rendsburg zum Organisten Rosenbaum, blieb bei ihm zwei Jahre, und machte dort Fortschritte in der Musik. Und nun wurde der siebenzehnjährige Schleswiger von seinem Stiefvater nach Kopenhagen zu dem damals in Dänemark allmächtigen Grafen Adam Gottlob Moltke geschickt, der wahrscheinlich bei irgend einer Gelegenheit versprochen hatte, sich des Jungen anzunehmen, und ihn seiner Zeit zu befördern.

Meine Mutter.

Daß mein Vater ein tauglicher Clavierspieler gewesen sein muß, kann ich daraus wissen, daß er, wie er selbst erzählt hat, bei seiner Ankunft in Kopenhagen gleich den jungen Comtessen Unterricht auf dem Clavier gab. Auch habe ich noch ein Attest von dem Pastor Lorch an der deutschen Friedrichskirche auf Christianshafen, worin dieser meinen Vater nach abgelegter Probe wegen der Kenntnisse und der Fertigkeit lobt, deren es bedarf, um ein guter Schullehrer auf dem Lande in den deutschen Provinzen zu werden. Aber sowie Jacob dem Laban mehrere Jahre dienen, und erst die häßliche Lea nehmen mußte, ehe er die schöne Rahel bekam, so mußten in jenen Tagen auch die Bürgerlichen oft im buchstäblichen Sinne den Großen dienen, wenn sie von diesen befördert werden wollten. Dies war ein Schicksal, dem sich zuweilen selbst theologische Candidaten unterwarfen. Mein Vater, ein halber Bauerjunge aus den Hütten in Krusendorf, hat wahrscheinlich durchaus nichts dagegen gehabt, den Winkel im Dorfe mit dem Palais auf Amalienburg zu vertauschen, und Theilnehmer an allen großen Festen, Lustbarkeiten und Genüssen zu sein; gleichviel ob dies sitzend oder stehend, früher oder später geschah. — Hier lernte er meine Mutter Martha Maria Hansen kennen. Ihr Vater, ein Deutscher, war königlicher Bevollmächtigter. Meine Großmutter mütterlicherseits, Anna Maria, war die Tochter eines Bäckers Severin in Kopenhagen. Mein Großvater mütterlicherseits hinterließ bei seinem frühen Tode eine Wittwe mit drei Kindern. Die Eltern meiner Mutter waren also Deutsche, und sie, ebenso wie mein Vater, wurde deutsch erzogen. Mir ist, als ob mein Vater mir erzählt hätte, daß meine Großmutter nach dem Tode ihres Mannes mit ihren Kindern eine Reise nach Deutschland machte; aber in der äußersten Noth zurückkehrte. Meine Mutter war in ihrer frühesten Jugend auf dem Lande bei einem Verwandten: dem Verwalter Bruun aus Herlufsholm, im südlichen Seeland. Ich habe sie im Scherz erzählen hören, daß, wenn nicht Altersverschiedenheit zwischen ihnen Statt gefunden hätte, aus ihr und dem Sohne, der in die herlufsholmer Schule ging, und später der bekannte Dichter Thomas Christopher Bruun wurde, ein Paar hätte werden können. Von Bruun's kam sie als Wirthschafterin zum Prokanzler Cramer in Kopenhagen, der sie mit außerordentlicher Güte und Achtung behandelte, und ihr Bücher, unter andern seine eigenen Predigten verehrte, die ich noch besitze. Cramer's Haus war ein Sammelplatz für ausgezeichnete Deutsche, und dies hat gewiß viel zu der mehr als gewöhnlichen Bildung meiner Mutter beigetragen. Auch Klopstock kam dort ins Haus. Ich entsinne mich, daß meine Mutter mir erzählt hat, wie sie ihm einmal ihre silbernen Schuhschnallen lieh, als er zur Maskerade wollte. Sie liebte ihn übrigens nicht sehr, er war ihr zu überspannt; Gellert sagte ihrem Herzen viel mehr zu. Von Cramer's aus wurde sie Kammerjungfer bei der Gräfin Moltke; und das war in der damaligen Zeit für ein armes Bürgermädchen eben so viel, als ob sie zur Königin käme und ihr Glück machte. Meine Mutter soll in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein. Mein Vater hat erzählt, daß mehre junge vornehme Damen sie beneideten, weil sie weißere Hände, als sie hatte, obgleich diese die ihrigen doch täglich mit Mandelkleie wuschen, und sie nur mit grüner Seife. —

Abstammung.

Man sieht also, daß ich von väterlicher Seite durch mehrere Glieder von angelsächsischen Musikanten und Fischern abstamme. Der Vater meiner Großmutter, von väterlicher Seite, Tolstrup war ein Jütländer, mein Großvater mütterlicherseits, Hansen ein Hochdeutscher, und der Vater meiner Großmutter mütterlicherseits, Severin, ein Kopenhagener. Weiter weiß ich nichts Zuverlässiges von meinem Geschlechte zu sagen. Daß der berühmte Adam Olearius oder Oehlenschläger, der die morgenländische Reise mit Paul Flemming machte und ein seiner Zeit klassisches Werk darüber herausgab, zu unserer Familie gehörte, ist wahrscheinlich. Sein Vater war Schneider und indem ich mit ihm in Verwandtschaft komme, könnte ich, sowie Göthe, Schneiderahnen haben. Er war nicht nur Lehrer, sondern auch Schöngeist, konnte gut persisch und übersetzte Saadi's Rosengarten und Lockman's Fabeln ins Deutsche. Da er Bibliothekar und Hofmathematiker des Herzogs von Holstein-Gottorp war, und nach seiner Reise wieder nach Holstein zurückkam, ist es um so wahrscheinlicher, daß er zu unserer Familie gehört. Zu den Patriciern Olenschlager in Frankfurt wage ich mich nicht zu rechnen, obgleich ich mich erinnere, daß mein Vater zuweilen von Frankfurt als einem Orte sprach, wo Verwandte leben sollten.


Stellung meines Vaters.

Von 1767 bis 1778 war mein Vater beim Grafen Moltke; darauf heirathete er meine Mutter und wurde Organist in dem eine Viertelmeile von Kopenhagen gelegenen Friedrichsberg. Meine Eltern wohnten zuerst in der nach Friedrichsberg führenden Vorstadt „Westerbrücke“ im Hause Nr. 53, gleich rechter Hand, wenn man aus der Friedrichsberger Allee kommt. Dieses kleine, mit Fachwerk gebaute Haus, steht zufällig noch jetzt so wie vor 70 Jahren. Das Jahr darauf 1779 wurde ich am 14. November geboren.