Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komödie spielen und sagte scherzend zu mir: „Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein größerer Dichter als Molière! Man hielt es für etwas Außerordentliches, daß er in acht Tagen ein Stück schrieb und aufführte, aber Du machst das Alles zusammen in einem.“ — Weder Storm noch ich glaubte damals, daß ich wirklich Dichter werden würde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon. Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte überhaupt keine hohe Meinung von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. „Bilden Sie Sich nicht ein, lieber Oehlenschläger,“ sagte er ein Mal in übler Laune, „daß Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie können ein tüchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschäftsmann werden,“ (hier nannte er mir einen vornehmen Mann, der jährlich 3000 Thaler Einkünfte hatte und sehr elegant wohnte.) „Solch Einer,“ sagte er, „können Sie werden, aber Sie werden niemals ein Eduard Storm.“ — „„Es ist möglich,““ sagte ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah dies für eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200 Thaler jährlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.
Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen, Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.
Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit größter Leichtigkeit zu erlernen.
Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche, wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut. Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne daß ich es wußte, mein Zuhörer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie studiren zu lassen.
Anatomische Studien.
Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden (dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nächsten Morgen früh in das Südfeld zu gehen und Nüsse zu pflücken, was eigentlich nicht erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht ausgelöscht, als wir Jemand an die Thür klopfen hörten. Wir schwiegen erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen des projectirten Nußdiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber wieder ums Herz, als unser Dienstmädchen mit einem Licht und meiner Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.