In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und überließ mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich mich bewegen lassen, die Schule zu schwänzen und einen guten Freund auf ein großes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede lag. Damals fühlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's, Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schöne Kajüte, die Kanonen, die lustigen Matrosen, die hübsch gekleideten Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten für mich in ein Zauberschloß. — Aber als ich nun nach Hause mußte, fing mir das Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubniß weggewesen. So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott nach dem Sündenfalle. Aber nachdem er Alles gehört hatte, schalt er mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne es darauf ankommen zu lassen, hätte ich einen seltenen Genuß und eine nützliche Erfahrung entbehren müssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend naß, denn ich war mit den Kleidern hineingefallen, und mußte so nach Hause gehen. Da aber all' meine Kleider durchnäßt waren, und mithin alle gleichmäßig eine dunklere Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging, die Veränderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und glücklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit mütterlicher Liebe, und dankte Gott, daß ich nicht ertrunken war.
Besuch der Kunstakademie.
Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mußte ich bald wieder verlassen, weil man mich nicht in Frieden ließ und der Feind mir zu stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der „Schule für die Nachwelt“, Herr Dinesen, fand, daß ich Talent hatte, und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgüsse der griechischen Meisterwerke, im Gefühl und der Ahnung einer Schönheit, die ich noch nicht verstand. Von Thorwaldsen wußten wir damals nichts weiter, als daß er ein ausgezeichneter Schüler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte gerade in die nächste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab. Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen, wenn ich den Tag über in die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese großen Jungen schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Königs-Neumarkt und ließen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine Eltern mich nicht aussetzen; außerdem verstand ich nicht mit dem Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab deßhalb das Zeichnen auf.
Privatstunden.
Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drückend, wenn der Sommer kam und ich ganz den schönen Abendfreuden entsagen sollte, die ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, daß der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und häuslichem Kummer litt, täglich verdrießlicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle in einem lateinischen Autor übersetzt hatte, fragte er: „Verstehen Sie es nun Alle?“ — „Ja!“ lautete die Antwort. „Sie auch, Oehlenschläger?“ „Nicht ganz“, entgegnete ich, „wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir noch einmal zu übersetzen?“ — „Ach“, sagte er mit einem verächtlichen Achselzucken, „ich sehe schon, wo es fehlt.“
Dickmann's Unterricht.
Er übersetzte es noch einmal, aber ich hörte kein Wort; ich war blaß, wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Körper. — Kein Genie, das ließ ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! — Ich lief zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich keinen Beruf in mir fühlte, ein gelehrter Mann zu werden; ich hätte mehr Lust zum Kaufmannsstande und wünschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. — Mein Vater ließ mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld gab, war er sehr gutmüthig und bat mich noch auszuharren. „Lieber Oehlenschläger“, sagte er, „kümmern Sie sich doch nicht um ein Wort, mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schüler, ob ich ihnen nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe.“ Er brauchte nicht so viel zu sprechen, um mich ganz zu versöhnen und meine alte Liebe zu ihm wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Kräften, mich in seinen historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's Weltgeschichte überhört hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben so wie Pontoppidan's Erklärung in des Küsters-Schule), so hielt er uns Vorträge über die specielle Geschichte der verschiedenen Länder. Er hatte zu diesem Zwecke eine große Menge Excerpte aufgeschrieben und trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige während des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, außer mir. Eines Tages sagte er: „Ich möchte doch hören, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal vor!“ — Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte die Feder schon früh führen gelernt. — „Wahrhaftig, das ist mehr als ich selbst machen könnte“, sagte er, und gab mir: „Ausgezeichnet gut!“ eine große Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse bekam. Ich war entzückt vor Freude, stürzte in der Zwischenstunde in die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe „ausgezeichnet gut!“ bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es stand. Einige schlugen ein lautes Gelächter auf; aber Dickmann setzte sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets Achtung. Ich fuhr fort, die Vorträge nachzuschreiben und hatte mein kleines Schreibepult voller Excerpte über Mythologie, Geschichte, Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrückt, und seine Gesundheit schwächer. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht nach seinem Sinne. Wie alle Schöngeister der damaligen Zeit, hatte er einen überwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen. Ich fing nach der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch seinen poetischen Geschmack, daß er Einfluß auf mich ausübte. Der war nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein großer Bewunderer von Kotzebue und setzte ihn beinahe über Shakespeare. Doch Holberg, Ewald, Wessel bewunderte er, und später besonders Schiller. — Aber Dickmann's Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns die Charakteristik der großen Helden und ihrer Thaten gab — riß mich hin.