Aufenthalt bei Gosch.

Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den spätern deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der so leicht zu süßer Sentimentalität und dann zur Heuchelei übergeht. Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt hatte, so sagte er trocken zu seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: „Ach Paul, gehe hinein und hole für N. N. ein Kopfkissen!“ Gleich zog N. N. seine Arme zurück. Storm hatte einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er nicht gethan hatte. „Warum hast Du Das nicht gethan?“ fragte er nun in Aller Gegenwart. — „„Ich meinte““ — „Du sollst nicht meinen!“ — „„Ich dachte““ — „Du sollst nicht denken!“ — „„Ich glaubte!““ — „Du sollst nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.“

Zu Hause bei Gosch war eine Veränderung vorgegangen; wir zogen in ein anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie früher. Hier bekam ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und außerdem fühlte, daß ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als gewöhnlich erforderte, — lag ich eines Tages im Bette, weinte und verbarg meine Thränen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hieß und nicht gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amüsirte ihn, das Thier so wüthend zu machen, daß die Federn auf dem Kopfe sich sträubten. Während dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrähten zurückzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er stammelte immer etwas): „Ach! ha — ha — hat Po — Po — Polly eine kleine Perücke! Soll ich Polly die Pe — Per — Perücke abreißen!“ Dazwischen schrie der Papagey in seinem wüthenden Rasen; und diese Scene trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so daß ich mich bald erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg hinaus.


Eine neue Heimath.

Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der Laasbye hieß. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter; er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf die Zollbude mit hinaus, wo große Zuckerfässer aufgeschlagen wurden. Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer großen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen, und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitäten zugetheilt wurde, nie meiner Lust genügen können. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen Kräften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und ich wurde seiner zuletzt so überdrüssig, daß ich ihn ins Meer warf, was mir später sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schöne Zucker ohne Nutzen geschmolzen war.


Mein Pflegevater.

Es war ein großer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie hatten nicht mehr als zwei Zimmer, einen sogenannten Saal von vier kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle Drei. Glücklicher Weise war der Mann ein großes Kind; und so wie es oft zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht, welche die Schule besuchen — der Unterschied in der Bildung hebt die Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich — so ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannte flûte douce mitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte, die ich hörte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, während die Betten gemacht wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbüchern vor, und es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz und gar) leise für mich in meinen Schulbüchern zu lesen; doch fand ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit — und im Ganzen galt ich für einen tüchtigen Zögling in der Schule. Nur mit dem Französischen wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund, der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch danke ich es seinen Püffen, daß ich das schwierige Verbum s'en aller, den Schlüssel zu vielem Andern, gründlich lernte. Herr Haslund war ein Jütländer, kahlköpfig, mit gepuderter Lockenperrücke und mit einem kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte, von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mit Marmontel's Contes moreaux und mit Fénélon's Telemaque, wie in frühern Jahren mit „Malling's großen und guten Handlungen.“ — es verging lange Zeit, ehe ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese Bücher lesen wollte.