Fortschritte in der Schule.

Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem ersten blühenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande, wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo für die Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweineställe, wo Einem zwar griechisch und lateinisch eingeprügelt wurde, die man aber oft noch roher verließ, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten nicht selten in Niederträchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, daß sie für eine Vorschule eine zu schöne Einrichtung besaß, und etwas Anderes war sie im Grunde doch für die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier auf die Akademieen, wer studiren sollte, verließ die Schule, wenn er sie zur Hälfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was für einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule „für Bürgertugend“ war ungefähr zu derselben Zeit, wie die Schule „für die Nachwelt“ gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte Möller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere Schule doch gewiß bei Weitem den Vorzug. Indessen fühlte ich doch selbst bald, daß sich auf diese Weise kein Weg für mich eröffnen würde; durch Winckler, der in die Schule „für Bürgertugend“ ging und starke Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen Plan erfahren; als er ihn hörte, lächelte er und schwieg. Es blieb beim Alten; noch wußte ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich, was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen, daß ich einen Freiplatz hätte, und daß mein Vater nicht die Mittel besäße, für mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als möglich von der Schule zu profitiren.


Die französische Revolution.

Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche Revolution war vor sich gegangen, ohne daß wir Kinder viel dabei empfanden und wir hörten auch von unseren Lehrern nicht viele Aeußerungen des Mitleids über Ludwig XVI. und die Königin Marie Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen kräftigen Männer der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der Despotie abzuschütteln, hatte sich der Herzen bemächtigt. In weiter Entfernung weckt Unglück das Mitleid nicht genügend, man merkte nicht recht, daß die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem König und der Königin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies schwächte das Mitgefühl für das tragische Schicksal des unglücklichen Königpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von König Ludwigs Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natürlich ganz ohne Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) — „Sie nannten ihn Ludwig Capet, nun ist er Ludwig Caput!“


Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte, und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichts zu befehlen hatten, ebensowenig wie Sièyes und Cambacèrés. Das Spaßhafteste war, daß ich Gesetze für meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete: „Da kein Staat ohne einen obersten Anführer bestehen kann, so wollen wir einen solchen wählen.“ Diesem Obersten mußte nun die Republik unbedingten Gehorsam schwören, und so ahmte ich, ohne es selbst zu wissen, Bonaparte vollständig nach, und stiftete eine Republik, wie später Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich auch ein Mal gegen ein Heer der Schule „für Bürgertugend“ aus, und wir beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus, sondern blieb nur bei Märschen und Manövern.