Storm's Tod.

Das Merkwürdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verließ, eintraf, war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der überhand nahm, und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector ernannt; und, ich hätte beinahe gesagt, es war gut, daß er starb; — denn es wäre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich einige Andere aus späterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmäßiges Stück geschrieben, welches „Erast“ hieß und allgemein mißfallen hatte; — ob er auf Grund dieses Stückes zu dem Posten vorgeschlagen war, weiß ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne Weltkenntniß, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. — Dieses Amt würde ihm gewiß viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht hätte er dadurch selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb, da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Daß er auch gleich in ein eigenthümliches Verhältniß zu dem ersten Theaterdirector gekommen wäre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider Parteien hätte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt hätte, erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre später, eines Mittags beim Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch saß und das Gespräch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der gutmüthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: „Ja, es war gewiß ein prächtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrüder waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: „Scheußlich!“ — „Wie, Ew. Excellenz?“ fragte ich verwundert. — „Ja!“ fuhr Hauch fort, „ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Läufer hin und ließ fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Läufer in der Thüre, antwortete „Scheußlich!“ und warf ihm die Thüre vor der Nase zu. Er hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.“


Es herrschte eine außerordentliche Betrübniß in der Schule, als wir eines Morgens hinkamen und hörten, Storm sei todt! Während er kränkelte, brachte ich ihm regelmäßig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von Friedrichsberg, die mein Vater sich für mich vom Hofinspector erbat, da ich wußte, daß Storm ein großer Liebhaber von feinen Früchten sei, und dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war mir ein seliges Gefühl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm, er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: „Hab' Dank, mein liebes Kind!“ — Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl zu sagen.

In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tüchtiger Lehrer der Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, in der er Unterricht gab. Er begegnete unserer Betrübniß mit einem unzufriedenen Gesicht, tadelte unser Gefühl als schwach, und als wir äußerten, daß es uns unmöglich sei, aufzupassen und um Erlaubniß baten, fortzugehen, um Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, daß er es für Heuchelei und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu setzen, aufzupassen und versicherte, daß wir Storm keine größere Liebe erweisen könnten, als wenn wir fleißig wären und unsere Arbeiten gut machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglühte und bebte vor Zorn. Das natürliche Dankbarkeitsgefühl für einen edeln Wohlthäter in einem jungen Herzen sollte unterdrückt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten. Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein Zorn. Ich veranlaßte meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte, um Erlaubniß zu bitten, daß er einen Augenblick hinausgehen könne. Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath Professor Nörregaard hinüber, der im Vordergebäude wohnte und einer der Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein könnten. Er gab uns die Erlaubniß. Falch hatte sich wohl gehütet, von Lindrup's Ansicht zu sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurück und rief uns Anderen zu: „Nörregaard hat uns frei gegeben!“ — „Adieu, Herr Lindrup!“ rief ich, riß meinen Hut vom Nagel und stürzte mit den Uebrigen hinaus. — Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch näheres Ueberlegen gefunden, daß es ein verzeihlicher Trotz war, denn er faßte keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.

Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir eintraten trugen zwei Männer eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche über den Hof. „Können Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist?“ — „Hier!“ — Wir folgten den Leichenträgern und waren somit das erste Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt wurde, enthüllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male, überließen uns unseren Gefühlen und gingen.


Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die Zöglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde später ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr ähnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem Gedächtniß entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.


Storm als Dichter.