Storm war kein großer Dichter, er hatte keine schöpferische Phantasie, sein Gefühl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene Eindrücke aufnehmen, er erglühte nicht von dem starken Feuer, dessen es zur höchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht glänzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhältnissen bewegt, und kannte die Welt mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung. Sein „Erast“ ist eine schlechte Komödie, sein „Bräger“ ein schlechtes komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den Schönheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auch Zinklar's Weise, Jönndalen und einige seiner religiösen Lieder ihren Werth in der dänischen Dichtkunst bewahren.


Abermaliger Umzug.

Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hübsch war, als die frühere. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß das berühmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf der flûte douce spielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in einem beständigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der Straßenausrufer. Aber ich fühlte nichts von all' dem Drückenden um uns her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalästen von „Tausend und einer Nacht“ umherschwärmte. Madame Laasbye's Bruder hieß Wulf, und war Koch in der königlichen Küche. Zuweilen besuchten wir Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt für die Bewunderung der Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berühmte Fruchthändlerin. Sie war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmückt, die sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so daß sie mir zuweilen wie ein mexikanisches Götzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich, daß er viele Jahre später, als er älter und Pensionair geworden war, mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte, „ob ich nicht den Kukuk hätte rufen hören? ob ich nicht wüßte, wo der Kukuk sei?“ Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle, bis ich entdeckte, daß der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel Jahre er noch zu leben hatte. — Ich zweifle nicht, daß der Kukuk ihn genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hören; bis er aus gewissen Gründen nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nämlich todt, aber der Kukuk rief lustig fort.


Erste und letzte Jagdpartie.

Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner Zug unsers gemüthlichen Verhältnisses mag statt mehrerer anderen hier stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die Spatzenjagd zu gehen. Es war im Winter. Ich war nie früher auf der Jagd gewesen, und so viel ich weiß, war dies auch das letzte Mal. Wir bekamen Jeder eine geladene Büchse und gingen nun die Landstraße nach Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. — Heute aber war unglücklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen, daß wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kämen, die eine vortreffliche Haushälterin war, und uns versichert hatte, sie würde die Spatzen, die wir schössen, braten, daß sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber zuerst ließ ich mir die Taschentücher der Anderen geben; damit stopfte ich mir die Taschen aus und ließ unseren einzigen Spatz halb aus der Tasche heraushängen. Mit vergnügtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die Anderen folgten mir. „Na“, rief die Frau, „wie ist's gegangen, habt Ihr eine glückliche Jagd gehabt?“ Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf meine Tasche. „Jesus, mein Herzensjunge!“ rief sie, „Du hast ja so viel, daß sie herausfallen.“ Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter getäuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.


Erster Theaterbesuch.

Meine größte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schloß die Augen, warf es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, stürzte ich wie über einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte über das große Glück, gleich dem Bergmanne, der plötzlich im Kupferwerk eine neue Silberader entdeckt. — Dieses Spiel, die Augen zu schließen, Etwas fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu stehen, mit dem ich so im Friedrichsberger Garten spielte, und es nie wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.