Das erste Stück, welches ich in meinem Leben sah — ich war sieben bis acht Jahre alt, — hieß „die verliebten Handwerker“. Mein Vater nahm mich von Friedrichsberg mit. Es war ein kalter Winterabend, Schnee lag auf dem Wege, aber es war sternenhell. Mit tiefem Gefühle sehe ich noch immer, wenn man dieses Stück spielt, dieselbe Decoration, welche damals meinen kindlichen Augen begegnete. Die kleine Tischlerwerkstatt im Hintergrunde mit ihrem Gitter und ihrer Hobelbank, die Häuser des Schuhmachers, des Schmiedes und der Jungfer Engelke, wie bezauberte mich Das! Und es bezaubert mich noch immer durch seine schöne Musik, durch seine lustigen und komischen Charaktere und Situationen. Das Satyrische darin konnte ich als Kind noch nicht verstehen; aber das eigentliche Poetische, das lustige Leben der Handwerker, wo Musik und Liebe sich mit der täglichen Beschäftigung vermischen; der Gegensatz des französischen Friseurs zur Plumpheit des Schmiedes und des Schuhmachers, wie wenn ein Schmetterling um einen Mistkäfer umherflattert, — all' Das bewegte sich in dem bezaubernden unsichtbaren Elemente der Musik, welches das Plumpste zu etwas Höherem idealisirte. Ich befand mich, wie im Paradiese. Ich fragte meinen Vater, ob ich auch klatschen dürfe, und als er mir sagte, daß Jedem, der bezahlt habe, das Recht zustehe, seine Meinung zu erkennen zu geben, zog ich meine wollenen Handschuhe aus und schlug in die Hände, bis sie ganz warm wurden. Etwas aber, was ich gar nicht begreifen konnte, war, wie sie all' die Häuser, Gärten und Straßen gemalt hätten; denn ich glaubte, das würde immer gleich gemacht. Ich fragte meinen Vater, aber er hatte, so viel ich mich entsinne, auch keine deutliche Vorstellung davon.
Der Schloßbrand.
In die zwei letzten Jahre meines Schulbesuchs fielen die großen Feuersbrünste von Christiansburg und Kopenhagen. Die erste 1795 mitten im Winter, brach eines Nachmittags aus, als ich auf dem Friedrichsberger Schlosse saß und mit meiner Schwester zeichnete. Wir hatten einen Farbenkasten bekommen und es amüsirte uns, Papier zusammenzukleben und uns selbst ein Spiel Karten zu machen. Mein Vater sah in der Dämmerung zum Fenster hinaus: „Was ist das“, rief er, „steigt der Mond über Christiansburg hin auf? Wir haben ja nicht Mondschein?“ — Bald erfuhren wir, was es war, und ich ging mit meinem Vater nach der Stadt, wo wir von der Marmorbrücke aus Zeugen des fürchterlich schönen Schauspiels waren. Ich habe nie in meinem Leben ein solches Feuermeer gesehen, weder früher, noch später. Die Flammen waren erst in den Sälen eingeschlossen, die kostbaren Gardinen brannten in den Fenstern, wie ein Stückchen angezündetes Papier. Endlich durchbrach das Flammenmeer das Kupferdach, schmelzte es, und mit den schönsten Farben stiegen die rothen, blauen und grünen Flammen in die Luft. Noch stand der Thurm, wie ein dunkler Riese, mitten im Feuer, lange spottete der ungeheure Riesenkörper den lüsternen Flammenküssen, mit denen die Salamander an seinem Harnisch emporleckten. Endlich wankte der Riese, und mit einem entsetzlichen Krachen stürzte er durch alle Stockwerke hinab. Von diesem Augenblicke an war Alles Flamme, als ob die Hölle ihren Schlund geöffnet hätte, als ob Vesuv oder Aetna auf den Schloßplatz hin versetzt wären; und ich bin überzeugt, daß kaum jene Berge so viel Feuer auf ein Mal ausspeien, wie die Mauern hier in der rabenschwarzen Nacht. — Als ich mit meinem Vater wieder nach Hause kam, war es bis zu Friedrichsberg und gewiß noch eine Meile weiter ganz hell. Bei uns zu Hause konnte man bei dem Scheine des Schloßbrandes deutlich lesen. Eine lange lichtgelbe Rauchsäule zog mit dem Winde über das Südfeld dahin, und einiges verbrannte Papier, das durch die Luft geführt wurde, fiel dort erst nieder. Man hatte gar nicht geglaubt, daß das Schloß brennen könnte, und die Mauern brannten auch nicht; aber die unzähligen Ofenröhre, welche durch das Gebäude kreuz und quer, oft in der Nähe leicht brennbarer Wände liefen, sollen die Veranlassung dazu gegeben haben. Man erzählte, daß die Leute im Schlosse gar nicht hätten räumen wollen, und als die Matrosen kamen, um zu retten, sagten Einige: „Wir dürfen nicht eher räumen, als bis wir Ordre haben.“ „„Da ist, hol' mich der Teufel, die Ordre““! riefen die Matrosen und zeigten auf das Feuer, das zu den Fenstern herausschlug.
Große Feuersbrunst.
Im nächsten Jahre, 1796, wüthete in Kopenhagen eine Feuersbrunst, die ebenso prosaisch, wie jene poetisch war. Das Gefühl des Verlustes der königlichen Burg war nicht mit schmerzlichem Mitgefühl über grenzenloses Unglück verbunden. Es ging damals gerade über den Mann im Lande her, welcher die besten Mittel hatte, sich ein neues Haus zu bauen. Das historisch Merkwürdige bei dem alten Schlosse verschwand nicht ganz, die riesenstarken Mauern blieben stehen; man hoffte, daß die Burg sich schöner aus der Asche erheben würde, und dies ist auch geschehen, wenngleich ich aristokratische Seelen darüber habe klagen hören, daß der Steinkoloß dadurch an seiner Großartigkeit verloren habe, daß er auf einer Seite nach den Colonnaden zu der frischen Luft geöffnet worden, und daß der Thurm fort sei. — Die Feuersbrunst der Stadt brach mitten im Sommer im blendenden Sonnenlichte aus, das kaum die Flammen sehen ließ, die sich nach und nach, wie ein verzehrender Krebs immer weiter über den großen Körper ausbreiteten. Ich wagte mich in eine solche Straße hinein und bemerkte kaum den flammenden Balken, welcher nicht weit von mir herabfiel. — Aber obgleich diese Feuersbrunst weder poetisch noch malerisch war, so war es doch ein Trost, daß sie im Sommer in der mildesten Jahreszeit ausbrach, wo die Natur so viele Obdachlose in ihren freundlichen Schoos aufnahm; wäre das Feuer im strengen Winter ausgebrochen, so wären Unzählige grenzenlos unglücklich geworden.
Ein einziger, ungeheurer Fensterraum in den Schloßmauern war genügend, um, ein wenig zugemauert, Zimmer für eine ganze arme Familie zu werden. Es war, als ob Reichthum und Pracht verschwunden wären, um der Armuth und der Genügsamkeit zu weichen. Daß die Verschönerung der Stadt eine natürliche Folge dieses Brandes werden mußte, konnte freilich Diejenigen nicht trösten, die durch den Brand gelitten hatten. Es ist dies erst eine Frucht, welche das kommende Geschlecht erntet.
Als diese beiden Feuersbrünste überstanden waren, und die Trauer sich etwas gelegt hatte, kamen mir Reiser's „fürchterliche Feuersbrunstgeschichte“ in die Hände, die ich mit großem Erstaunen und Vergnügen las. Reiser spielt in diesen tragischen Verhältnissen die Rolle des Narren, wie in den alten Marionettspielen. Er war das vom Schicksal auserwählte Werkzeug, — wie Peer Syv sagt: „zum lustigen Zeitvertreib in diesem unlustigen Leben“, — und das Sonderbarste ist, daß man — aus Mangel an anderen Aufzeichnungen genöthigt ist, seine Narrheiten zu lesen, um individuelle Züge aus einer der traurigsten Begebenheiten zu finden.