Der Thiergarten.

Ehe ich meine Kindheit verlasse, muß ich noch Etwas erwähnen, das theils jährlich, theils nur ein Mal eine Unterbrechung meines gewöhnlichen Lebens herbeiführte. —

Das jährliche war die Fahrt nach dem Thiergarten, die in jedem Sommer auf einem großen Stuhlwagen von der ganzen Familie und ein paar Freunden an einem schönen Nachmittage unternommen wurde. Der Speisekorb wurde voll gepackt, das Flaschenfutter gut versehen; mein Vater zog einen Nanking-Ueberrock, des Staubes wegen über, und wir fuhren fort. — Diese Tour riß mich hin, obwohl ich daran gewöhnt war, in der Natur und den schönen Gärten zu leben — doch aber zwei Dinge vermißte, die sich mir nun in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigten: das Meer und der Buchenwald! — Mit welcher Begeisterung betrachtete ich die schäumenden Wogen, die, wenn sie gleich in der Ostsee nur Zwerge gegen die Wellen des Kattegats und der Nordsee sind, doch groß genug für den armen Knaben waren, der nur daran gewöhnt war, den Wind den Kanal im Friedrichsberger Garten kräuseln zu sehen. Wohl ging ich zuweilen nach der Zollbude; aber hier draußen, in den Fischerdörfern war es doch viel fremdartiger und schöner. Die armen Fischerhütten sah ich durch Ewald's Zauberglas, und die Armuth erschien mir, mit Muth, Genügsamkeit und Abenteuern gepaart, viel edler als die faule Ruhe; was auch unstreitig der Fall ist. Der Fischer am Ufer des Meeres repräsentirt eigentlich den Dänen. Der Seeheld entspringt aus ihm. Im Walde, umgeben von den mächtigen breiten Buchen, fühlte ich mich in Frigga's Heiligthum versetzt, und ahnte ihre tiefsten Geheimnisse. Die heilige Quelle, die ihr schönes Wasser so freigebig aussprudelt, zauberte mir alle Elfen aus den Kämpeweisen herbei. Daß sich Scherz, Volksgewimmel und fremde Gaukler in die große Natur mischten, daß der Tand des Augenblickes dem Ewigen, Unvergänglichen einen kurzen Besuch machte, und das Ernste, Erhabene dadurch steigerte, daß es einen Gegensatz zu dem Lustigen, Uebermüthigen, ja sogar Niedrigen bildete — wirkte stark auf die Phantasie des Dichterknaben. — Aber wenn ich über Casperle und Harlequin gelacht hatte, ging ich in den tiefen Wald und verirrte mich ein wenig auf eigene Hand. Einmal auf einer solchen Wanderung war ich erstaunt, eine Schlange zu finden, die sich durch das Gras schlängelte. Eine solche hatte ich noch nie gesehen; denn — sonderbar genug — auf Friedrichsberg gab es gar keine Schlangen, wenigstens habe ich sie nie dort gesehen.

Wenn wir nun, nach all' diesen Bildern, zu dem großen Baume an der Quelle zurückkehrten, wo unser Wagen hielt und unser Proviant auf einem Tische uns erwartete — dann währte der Jubel bis zur späten Nacht, und in Staub und Gewimmel fuhren wir mit den Anderen wieder nach Hause. — Sie sind verschwunden, die schönen Jahre der Kindheit! Vater, Mutter, Schwester, Freunde sind gestorben, — aber der große Baum steht noch da, in den Bernt Winckler und ich, vom Jahre 1792 ab viele Jahre hindurch unsere Zeichen hineinschnitten. In einer späteren Periode bin ich oft mit meinen eigenen Kindern dort hinausgewallfahrtet, und habe die Zeichen im Baume fortgesetzt, und meinen Namen hineingeschnitten, der doch nicht ganz fertig wurde.


Beerdigung der Königin.

Ein andres Ereigniß, das meine gewöhnliche Lebensweise unterbrach, war die Beerdigung der Königin-Witwe Juliane Marie in der Roeskilder Domkirche. Mein Vater erlaubte mir, mit einigen Leuten aus der Silberkammer hinzufahren, es war meine erste Reise in strenger Kälte, und ich schlief in der Nacht auf einer Dachkammer im Palais, wo ich durch eine Oeffnung die Sterne am Himmel sah; aber ich sah auch den prächtigen Aufzug mit dem Leichenwagen der Königin; ich sah zum ersten Male die herrliche Kirche und ihre Grabgewölbe, die ich in späteren Jahren mehrfach besungen habe.


Meine Konfirmation.