Ich war nun sechszehn Jahre alt, und sollte confirmirt werden. In der letzten Schulzeit war mir Alles leicht von der Hand gegangen; ich erhielt eine Belohnung meines Fleißes und öffentliches Lob, und dennoch hatte ich noch Zeit genug, um die erwähnten Wochenblätter für meine Schulkameraden zu schreiben, und Komödie zu spielen. Einmal spielen wir ein Stück: „Der Sklave in Tunis“ bei dem vortrefflichen Schauspieler und Instructeur Schwartz. Ich spielte die Hauptrolle, den Sklaven, der in seinen Fesseln seufzt und sich nach seiner Familie sehnt. Es war eine ganze Gesellschaft erwachsener Leute als Zuschauer zugegen. Ich spielte den armen Sklaven recht rührend, die Damen weinten, und Herr Schwartz lobte mich. Das verdroß meine Spielkameraden; in einem großen Monolog wollten sie mich aus der Fassung bringen, indem sie mir von den Coulissen aus Fratzen schnitten und mir Spitznamen zuflüsterten. Aber es half nichts! Ich empfand mein Unglück dadurch nur noch tiefer, und dies paßte gerade hier sehr gut in meine Rolle. Herr Schwartz lobte mich auf's Neue, als das Stück zu Ende war, und dieses Lob hat viel zu meinem einige Jahre später gereiften Entschlusse beigetragen.
Ich wurde mit Winckler in der Friedrichsberger Kirche confirmirt. Uns gegenüber in der Kirche standen zwei junge Damen, welche wir nicht kannten, da sie die Stunden bei dem Prediger im Hause gehabt hatten. Die Eine, mir gegenüber, war sehr hübsch, geschmackvoll und prächtig gekleidet, und sehr gerührt. Es war damals Gebrauch, daß die Knaben nach der Confirmation den Mädchen den Arm boten, und sie so Paarweise aus der Kirche gingen. Aber gerade weil ich so große Lust dazu hatte, wagte ich es nicht, sondern nahm die Flucht, lief fort, und blieb nicht eher stehen, als weit draußen auf dem Kirchhofe, auf einem Leichenstein, wo ich mich über meine Verlegenheit ärgerte. Die Schöne wohnte in der Nähe und saß oft in einem Lusthause, das nach dem öffentlichen Spaziergang hinauslag. Da grüßte ich sie denn sehr ehrerbietig, wenn ich vorüber ging. Erst viele Jahre später sprach ich mit ihr, und machte ihre Bekanntschaft als die Frau des Hofintendanten Schönberg.
Ich soll Kaufmann werden.
Bei der Confirmation war, außer meinen Eltern, noch eine für uns merkwürdige Person zugegen, welche viel Aufsehn in der Kirche machte, und zum Theil die Feierlichkeit störte; aber man mußte inniges Mitleid mit ihr haben. Es war die Tochter meiner alten Schulmadame. Die alte Jungfer, die keinen Mann bekommen konnte, hatte endlich den Verstand verloren, sich in eine hohe Person verliebt, und ging nun seltsam und lächerlich geschmückt umher, wie eine travestirte Ophelia. Bei Wincklers und meiner Confirmation war sie mit einem wunderlichen Kopfputze zugegen, der sehr viel Aehnlichkeit mit einer Mandeltorte hatte.
Als ich confirmirt war, verließ ich die Schule. Was sollte ich nun vernehmen. Ich kannte Geschichte, Geographie und meine Muttersprache recht gut; ich schrieb eine hübsche Hand, zeichnete recht nett, und hatte auch Geometrie und Trigonometrie gelernt. Deutsch verstand ich gut, konnte aber noch keine Zeile richtig schreiben; mit dem Französischen ging es mittelmäßig. Mit einigen Wissenschaften, Physik, Chemie, Anatomie, Oekonomie hatte ich eine oberflächliche Bekanntschaft gemacht; ich rechnete schlecht. Etwas lateinische Grammatik wußte ich, und verstand einen leichten Autor.
So ausgerüstet sollte ich Kaufmann werden, ohne Geld, ohne ein Wort Englisch zu wissen, ohne rechnen zu können, und ohne die geringste Anlage für den Stand zu haben. Aber da ich nicht wußte, was ich sonst werden sollte, ließ ich meinen Vater bestimmen. Er hatte mit einem Kaufmann Herrn Rabe Holm gesprochen, der mich auf sein Comptoir nehmen wollte, da der junge Mensch krank geworden war, den er sonst beschäftigte. Ich ging mit meinem Vater nach Christianshafen, wie zum Tode; mein einziger Trost war, daß der Kaufmann mich nicht annehmen würde, wenn er bemerkte, daß ich keine besseren kaufmännischen Kenntnisse habe; doch empörte sich auch mein Stolz gegen diese Demüthigung. Glücklicher Weise hatte der junge Mann sich wieder erholt, und Herr Rabe Holm ließ uns mit einer höflichen Entschuldigung wieder gehen.