Wiederaufnahme der Studien.
Auf dem Heimwege erwachte meine alte Lust zum Studiren wieder. Ich glaubte, in zwei Jahren mich zum examen artium vorbereiten zu können, das mein Freund Winckler bereits rühmlich bestanden hatte. Mein Vater gab seine Einwilligung. Auf Friedrichsberg hatten des Hofgärtners Petersen's Kinder einen Lehrer, Herrn Höisgaard; dieser versprach, mir täglich eine Stunde von 8 bis 9, der einzigen Zeit, die er übrig hatte, Unterricht zu geben; und so hoffte ich in zwei Jahren fertig zu werden.
Herr Höisgaard.
Nun wohnte ich also wieder bei meinen Eltern auf Friedrichsberg, in ununterbrochenem Genusse meiner lieben Jugendstätte vom Morgen bis zum Abend. Ich hatte nur eine einzige Unterrichtsstunde, aber mir bangte vor all' diesen Freistunden, denn ich fühlte im Voraus, daß ich nicht Gewalt genug über mich selbst haben würde, um mich freiwillig in einen gezwungenen Zustand zu versetzen, wenn durchaus Nichts da war, was mich nöthigte. Was sollte ich außerdem thun, wenn ich das gearbeitet hatte, was mir aufgegeben und mich für den nächsten Tag vorbereitet hatte? Ich sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen, und das konnte ich mir nicht selbst lehren. Die lateinische Grammatik lernte ich so ziemlich; aber während ich in Munthes griechischer Grammatik das Verbum [Greek: tuptô], ich schlage, auswendig lernte, wünschte ich mir beinahe einige der Schläge, die ich in früheren Jahren in des Küsters Schule erhalten hatte, weil es mir schien, als ob zu solchen Exercitien durchaus Fingerklapse gehörten. Es ist keine Frage, daß, wenn Knaben mit lebhafter Phantasie und Gefühl die sogenannten guten Fundamente bekommen, das heißt: perfect Latein und Griechisch lernen sollen, daß sie im Allgemeinen jedenfalls Prügel bekommen müssen, so wie die Thiere, wenn sie Kunststücke lernen sollen. Doch kann auch die Vortrefflichkeit des Lehrers helfen. Der gute Herr Höisgaard war ein braver und freundlicher Mann und ohne Zweifel selbst ein guter Student, aber er war vom Lande, von einer der gelehrten Schulen in der Provinz, wo man zu jener Zeit vermuthlich Alles auf die obenangeführte Weise lernte. Das konnte er nun nicht auf den erwachsenen, confirmirten, zum Theil gebildeten Menschen anwenden. — Es war hart genug für mich, der ich ein ganzes Jahr Primus in der Schule und von Eduard Storm geliebt gewesen war, — nun zu Höisgaard zu kommen. Er empfing mich in Pantoffeln und tiefem Negligée, so wie er aus dem Bett aufgestanden war, trank seinen Thee aus großer henkelloser Tasse, aß sein Butterbrod in meiner Gegenwart, und nannte mich „Er.“ — Aber dieses Pronomens bediente er sich doch nur ein Paar Mal; denn trotz all' meines Bestrebens nach Demuth bemerkte er doch wohl genügend an meinem Blick und meinem ganzen Wesen, daß ich nicht gern in der dritten Person angeredet wurde. Es währte übrigens auch nicht lange, bis ich mir seine Achtung dadurch gewann, daß ich Kenntnisse in mehreren Gegenständen, und einen Sinn für Poesie zeigte, — wenn wir die lateinischen Dichter übersetzten, — den er selbst nicht besaß. Bald herrschte ein Ton zwischen uns, wie zwischen Kameraden, und nie wechselten wir ein böses Wort. —
Erst mußte ich den ganzen langen Justinus mit ihm lernen, dann aber ging es an Cicero de officiis, und wir lasen das 1., 2. und 6. Buch im Virgil.
Auf diese Weise wäre es nun recht gut mit dem Lateinischen gegangen, wenn er mich auch hätte lateinisch schreiben lassen; — aber — sonderbar genug — daran dachte er nicht. Dagegen fingen wir das Griechische an, und ich hatte wenig mehr als [Greek: tuptô] gelernt, als ich gleich Paulus' Briefe an die Römer und Corinther — in's Lateinische übersetzen mußte, das heißt: ich mußte täglich die lateinische Version auswendig lernen. Das war eine Höllenarbeit, — sie war mir so überdrüßig und langweilig, daß ich wirklich die Römer und Corinther lernte, wie der Teufel die Bibel liest, und der Weg zum examen artium schien mir so schwer und holperig, daß ich immer mehr und mehr die Lust verlor, ihn zu wandeln. Hierzu kam, daß Höisgaard, indem er mir täglich Anecdoten von Eigenthümlichkeiten der Professoren und von den Absonderlichheiten Einzelner erzählte, wie man sich benehmen müsse, um gut durchzukommen ec., die kindliche Ehrerbietung abstumpfte, die ich vor dem akademischen Institute mitgebracht hatte; so daß das Examen mir zuletzt wie eine Farce vorkam, die gespielt werden sollte, und in der ich eine große und langweilige Rolle hatte.
So ging es nun in dieser Morgenstunde von 8 bis 9 Uhr: aber wie ging es den ganzen übrigen Tag? Den brachte ich im Garten und im Südfelde, im Gespräche mit meiner Mutter und Schwester und mit sogenannter Unterhaltungslektüre zu — d. h. ich machte mich mit der schönen Literatur vertraut, was gerade meinem Talent und meiner natürlichen Bestimmung entsprach. Aber ich betrachtete dies doch immer als eine Art blutiger Sünde, als einen Müßiggang, und weinte oft, weil ich nicht Kraft genug besaß, Höisgaard's lateinische Versionen von Paulus' Brief an die Korinther, Ewald's Fischern, Holberg's Komödien und Wessel's Liebe ohne Strümpfe vorzuziehen.