Erste Regung der Liebe.
Nun aber trat eine wichtige Uebergangsperiode ein, welche einen großen Einfluß auf meinen Zustand, meine Denkungsart und meinen Entschluß hatte: der Uebergang vom Knaben- zum Jünglingsalter. Sinn und Gefühl für das schöne Weibliche fingen an sich zu entwickeln, und hatte, wie Alles in der Welt, seine gute und seine schlimme Seite. Es ist keine Frage, daß, als das Christenthum hier im Norden eingeführt wurde, viel Gutes von dem Alten mit dem Heidenthume verloren ging, aber es war dies nöthig, damit allmälig wieder etwas viel Besseres gewonnen werden konnte. So entwickelte nun mein Herz ein weiches Gefühl, das für eine Zeitlang den kindlichen Sinn, die ungestörte, kräftige Phantasie für die Natur und zum Theil den gesunden Menschenverstand verdrängte. Es ging mir nun eben so, wie Don Quixote, der durchaus eine Dulcinea haben mußte, wenigstens ein Phantasiebild, für das er seufzen konnte.
Zuerst wandte ich mich an meine schönen Italienerinnen in der Galerie auf dem Friedrichsberger Schlosse; aber obwohl sie mir alle entgegenlächelten und sehr schön waren, fand ich es doch zu lächerlich, sich in das Bild einer Dame zu verlieben, die vor wenigstens einem halben Jahrhundert und vielleicht an Alterschwäche gestorben war! Glücklicherweise blühte damals eine junge Schönheit, für welche die Hälfte der Stadtjugend entbrannte. Ich hörte einmal, daß im Scherz gesagt wurde: in eine Schauspielerin dürfen sich alle Leute verlieben; das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, sondern verliebte mich sterblich in die schöne Marie Smidt, später verehelichte Heger, welche die Rolle der Dyveke und Kathinka im „Mädchen von Marienburg“ spielte.
Man wird es also begreifen, daß all' mein Sehnen und Trachten dahin ging, so oft als möglich ins Theater zu kommen; und wenn ich mir ein paar Mark von meiner Mutter erbettelt hatte, lief ich gleich, mit meinem Operngucker in der Tasche davon; denn das brauchte ich schon damals und jetzt nicht nothwendiger, als früher.
Kotzebue.
So vereinigten sich also Liebe und Poesie mit den Römern und Korinthern; aber das Eine gab oft dem Andern eine schiefe Richtung. — Zuvörderst hielt ich das „Mädchen von Marienburg“ von Kratter für ein Meisterstück, da Marie Smidt so vortrefflich darin spielte; und ich ärgerte mich später, als ich in einem Flugblatt den witzigen Scherz, ein satyrisches Verzeichniß über einige fingirte Gemälde las, die verkauft werden sollten: „Czaar Peter der Große giebt dem Tragödienschreiber Kratter eine Tracht Prügel.“ — Nun gewann ich auch alle Kotzebue'schen Stücke lieb, in denen gewöhnlich Verliebte abwechselnd mit lustigen Karrikaturen auftreten. Das oft Unwahre in den Schilderungen, das Affectirte im Gefühl und das oft Schiefe in der Gedankenfolge übersah der sechzehnjährige Jüngling, hingerissen von dem lebhaften Colorit, der lustigen Laune, dem Witz und dem wirklich Rührenden, das sich nicht selten in den Situationen findet. „Ein Buch kann hundert Fehler haben“, sagt Goldsmith in seinem Landprediger von Wakefield — „und doch gefallen; ein anderes kann ohne Fehler und doch langweilig sein.“ Es ist keine Frage, daß Kotzebue, obwohl er oft gegen den gesunden Sinn fehlte, mehr Laune, Witz, Phantasie und Gefühl hatte, als Scribe jetzt, der correct und kalt, mit vieler Kunst größtentheils dasselbe Thema variirt und, wie die Kunstreiter, mit bewundernswürdiger Dreistigkeit in einem engen Kreise, mit so vieler Gewandtheit manövrirt, daß er uns dahin bringt, den beschränkten Raum zu vergessen, in welchem sein Geist sich bewegt; erst die Wiederholung seiner Stücke zeigt uns das Leere und Langweilige in denselben.
Was Kotzebue bei seinen Stücken besonders schadet, sind die Motive, die oft schlecht genannt werden müssen. Nicht selten könnte ein Stück von Kotzebue gerettet werden, wenn man die Motive veränderte. Ich will hier nur von dem Stücke reden, welches das meiste Aufsehen erregte und ihm zuerst einen Namen verschafft hat: Menschenhaß und Reue.
Es wurde in Deutschland, im Norden, selbst in Frankreich und Italien mit großem Beifall aufgeführt. War es lauter Verblendung und Geschmacklosigkeit in Europa, die zu diesem Beifall Veranlassung gaben? Es war in einer Zeit, als Goethe und Schiller in Deutschland blühten, und doch gefiel es; es war in einer Zeit, wo das Vorurtheil gegen die deutsche Sprache am stärksten in Frankreich war, und doch gefiel es. Warum? Weil dieses Stück trotz aller seiner Fehler in den Motiven, von großer Wirkung in der Composition ist und viel gute Scenen hat. Das Schlechte besteht darin, daß ein Frauenzimmer, die vor nicht langer Zeit wie ein leichtfertiges Geschöpf gehandelt hat, hier als ein edler, unglücklicher Charakter dargestellt wird. Das Lächerliche darin, daß Meinau, mit all' seinem Menschenhaß ihr gleich, von einer schlaffen Sentimentalität bewegt, vergiebt. Aber war es dem Dichter nicht leicht, diese Ehepaare auf eine weniger empörende, eine verzeihlichere Art zu trennen, und wenn wir dies nun annehmen, wie viele schöne Scenen sind dann nicht in diesem Schauspiele. Eulalia's Verhältniß in dem stillen, bescheidenen Incognito, nachdem sie Meinau verloren hat; seine Liebe und sein weiches Herz, das sich unter dem eingebildeten Menschenhaß verbirgt; und nun der joviale Graf und die vortrefflichen Karrikaturen Bittermann und Peter.
Iffland.