Musikalische Zustände.

Fürs Erste hatte ich weiter nichts zu thun, als in die Singstunde zu gehen und in den Chören mitzusingen; das war eine sehr interessante Beschäftigung. So lernte ich das Theater auch von der Kehrseite kennen und im Anfange ging es mir damit, wie in meiner Kindheit mit dem Besuche in der Stadt, wo ich den Ulfeldtsplatz Friedrichsberg vorzog. Die Musik habe ich nächst der Poesie immer am höchsten von allen Künsten geliebt und hier schwamm ich in Musik von Monsigny, Gretry, Schulz und Kuntzen, Païsiello und Cimerosa. Das Ohr des Publikums war damals noch nicht verwöhnt oder erschlafft, und es bedurfte nicht eines großen Lärmens, in dem so oft Melodie und Character vor übertriebener Pracht in der Harmonie weichen müssen, und wo nur leidenschaftliches Geschrei Effect macht. Damals übte noch die weiche Stimme des Herzens ihre Wirkung aus, man fand den herrlichen Schulz noch nicht langweilig, und — obgleich der zweite April des Jahres 1801 noch nicht das Volk für das Heroische begeistert hatte, fühlte man doch mit Vaterlandsliebe das Idyllische und Ideale im „Erntefest“ und „Peters Hochzeit.“ Aber Rosing spielte auch den Halvor in diesen Stücken und er zwang die Zuschauer zu empfinden. Er würde es noch jetzt thun, wenn man ihn sehen und hören könnte. Doch ich will die Zeit nicht besser machen, als sie war; jede Zeit hat ihre Fehler und ihre Vollkommenheiten, darum muß die vergangene Zeit die kommende theils lehren, theils warnen. — Mozart kannte man noch gar nicht; obgleich er schon vor zwölf Jahren gestorben war. Daran waren die Italiener schuld, welche ihn beneideten. All' das dumme Geschwätz, daß der melodiereichste aller Componisten unmelodiös sei, daß er seine Musik für Orchester und nicht für Sänger geschrieben habe, wurde auch hier hergebracht und — geglaubt! Ja es half nichts, daß man sein Cosi fan tutte aufführte. Die Musik wurde mit anderer italienischer Musik in eine Brühe geworfen. Daß der Text unter aller Kritik war, konnte Jeder beurtheilen; daß die Musik göttlich schön war, konnten nur Wenige empfinden, und dieses himmlische Meisterstück — wurde ausgepfiffen. —

Mozart's Cosi fan tutte.

Ungefähr dreißig Jahre später suchte ich das Meiste dieser schönen Musik durch das kühne Unternehmen zu retten, daß ich ihr einen andern Text unterlegte. Einzelne Zuschauer, die wohl theils historische Kenntnisse von Cosi fan tutte früherem Schicksal besitzen mochten, theils einen Haß auf mich hatten, wollten da anfangen, wo die Vorfahren aufgehört hatten; aber der Beifall siegte, das Stück wurde mehrere Male bei vollem Hause gegeben; — und obgleich eine solche Arbeit, deren einziges Streben dahin gerichtet war, ein anderes Kunstwerk vor der Vergessenheit zu retten, keinen bedeutenden eigenen Werth haben konnte, so würden sich doch gewiß noch jetzt manche Musikliebhaber darüber freuen, Mozart's schöne Musik mit Worten zu hören, die das Gefühl nicht stören, sondern es begleiten und es in Worte kleiden.

Wenn ich nicht irre, so trug auch eine andere Begebenheit dazu bei, das Publikum zu verstimmen, als das Stück zum ersten Male aufgeführt wurde. Die Liebhaber im Stück sollten sich umkleiden, um ihre Geliebten glauben zu machen, daß sie nun andere Menschen seien. Diese Liebhaber wurden von Frydendahl und Ovist gespielt. Frydendahl machte ein Versehen und kleidete sich zu früh um, und Ovist ahmte nach, was er Frydendahl thun sah. Als sie nun auf die Bühne hinaus wollten, machte der Regisseur sie auf ihr Versehen aufmerksam. Frydendahl wurde ganz verblüfft, zog an der Commandoschnur des Maschinenmeisters und rief: „Laßt herunter!“ er meinte nämlich den Vorhang, aber die Maschinisten oben glaubten, die Scene sollte geändert werden und das Zimmer, in dem Knudsen gerade spielte, verwandelte sich in einen Wald, worauf Knudsen, der, sonderbar genug, noch die Illusion bewahren zu können glaubte, ausrief: „Welche Gaukelei!“ das Parterre schlug ein lautes Gelächter auf, und man mußte wieder von vorn anfangen.


Die Theaterdirection.

Ich sah nicht nur die Kehrseite des Theaters und der Schauspieler, sondern auch die der Dichter. Thaarup und Baggesen waren Theaterdirectoren geworden, wozu sie sich durchaus nicht eigneten, um so weniger, als sie nicht nur Censoren, sondern zugleich, mit Waltersdorf als Chef, administrirende Directoren sein sollten. Hauch hatte sich in diesen Jahren zurückgezogen. Baggesen war übrigens in seiner Stellung angenehmer, als Thaarup. Er hatte keinen Ehrgeiz, was die Administration betraf. Er besuchte uns auf der Bühne in seinem gelben Ueberwurf, auf dessen Rückseite die eingebrannte Spur eines Plätteisens deutlich zeigte, daß man ihn in der Eile ein Mal zum Plätttuch gebraucht habe. Er schnupfte immer sehr viel Taback. Ich entsinne mich noch sehr gut des ersten Tages, wo er uns besuchte, und wo Saabye gar nicht aufhörte, das Bild auf seiner Schnupftabacksdose zu rühmen, welches seine erste, selige Sophie vorstellte, die er selbst gemalt hatte. Wenn Baggesen nicht zum Neid und zur Eifersucht gereizt wurde, war er gutmüthig und unterhaltend. Hier beneidete er Niemand, ließ Rosing und Schwarz walten und amüsirte sich selbst damit, über das Hohle in einigen Versen zu scherzen, die er in den letzten Jahren hatte drucken lassen. Thaarup that sehr vornehm, ernst und hofmeisternd. Er glaubte, daß er Alles vortrefflich verstünde. Wenn er im Foyer einem der Jüngeren etwas zu sagen hatte, so wandte er ihm gewöhnlich den Rücken, ballte die Fäuste, steckte die Zeigefinger in die Höhe, pustete erst ein paar Mal — darauf heftete er seine Augen auf Herrn oder Madame Rosing, wenn sie zugegen waren, — wo nicht auf einen Andern der Aelteren um ihren Beifall oder ihre etwaige Bewunderung seiner Rede zu beobachten — und dann hielt er die Rede an den, der hinter ihm stand und der gewöhnlich fortging, bevor er fertig war.

Baggesen's „Erik der Gute“.