Körperliche Ausbildung.

Wie es nun geschieht, daß Menschen, die mit einander sympathisiren, alsbald vertraut werden, so geschah es hier; und kaum hatte ich ihn ein paar Mal besucht, so bildete sich das schöne Verhältniß zwischen uns, wie zwischen Lehrer und Schüler, ja fast wie zwischen Vater und Sohn.

Rosing fand eben so wie der Marschall, daß ich der ritterlichen Uebungen bedürfe; ich bekam einen Fechtmeister, einen Tanz- und einen Gesanglehrer.

Der alte Fechtmeister Ems war ein langer, gutmüthiger Schlagetodt, ein Preuße aus Friedrich's II. Zeit, der sein Handwerk verstand. Es amüsierte mich, den Gebrauch der Waffen von ihm zu erlernen; doch mochte ich lieber mit dem Säbel, als mit dem Stoßdegen fechten. Es schien mir viel heroischer, ehrlicher, weniger grausam. Das Fechten mit dem Stoßdegen kam mir hinterlistig und meuchelmörderisch vor. Ich sollte meinen Feind betrügen, um ihm unerwartet den Todesstoß zu geben; Gewandtheit und kaltes Blut gaben den Ausschlag. Beim Fechten konnte man kräftiger, heftiger zu Werke gehen; und ich meinte, daß, wenn man sich duellirte, man heftig sein müsse; denn ruhige Leute müßten vernünftig sein, und vernünftige Leute müßten Frieden halten. Ich glaube auch noch jetzt, daß weder Achilles, Siegfried, Stärkodder, noch Palnatoke gestoßen haben, außer mit großen Spießen, sie haben mit dem Schwerte, wie Thor mit dem Hammer Mjölnir geschlagen. Der Stoßdegen ist eine Erfindung der neuern französischen Schule; und ich hoffe, daß selbst weder Guesclin noch Bayard sich seiner bedient haben.

Mein Tanzlehrer war Herr Dahlén, und später Herr Berg. So wie ich bei Ems das Hauen dem Stechen vorzog, so liebte ich hier die Menuet mehr als die Ecossaise. Die Menuet lehrte mich edle Stellungen und den Körper mit Grazie bewegen; es schien mir eine stumme Liebesscene zu sein, in welcher der Jüngling und das Mädchen sich voller Sehnsucht einander nähern, dann sich wieder ängstlich und bescheiden trennen, sich wieder entgegenkommen, einander die Hand reichen, sich flüchtig umarmen, dann wieder einander fliehen, sich freundlich und höflich grüßen und auf derselben Stelle stehen bleiben, wo sie angefangen, wie dies bei den meisten flüchtig Verliebten der Fall ist. Die Ecossaise lernte ich nicht: das Walzen konnte ich nicht vertragen; und so habe ich, merkwürdig genug, nie in meinem Leben mit einer Dame auf einem Balle getanzt.

Musikalischer Unterricht.

Der Gesanglehrer war Herr Zinck, ein ehrlicher, launiger Deutscher, guter Clavierspieler und gründlicher Theoretiker aus der Bach'schen Schule; auch als Componist hat er Talent und Gefühl gezeigt. Aber als Lehrer für junge Sänger und Sängerinnen war er zu theoretisch; es wurde zu viel gesprochen, zu wenig gesungen. Sein Streben, Alles durch Definitionen populair zu machen, kostete viele Zeit. Und wenn er es den jungen Sängerinnen begreiflich machte, daß jeder Mensch die natürlichen Notenlinien bei der Hand habe (nämlich die Finger), und daß man nur den Zeigefinger der rechten Hand über, zwischen oder unter einen Finger der linken Hand zu setzen brauche, um sich jede Note klar zu machen; so konnten wir Anderen uns nicht des Lachens enthalten. Später bekam ich einen italienischen Gesanglehrer, Feretti, der eine gute Methode hatte, und bei dem ich einige Fortschritte machte. Er hatte mich gern, aber er mochte es nicht leiden, daß ich zuweilen seine Stunde versäumte, wenn ich in der Sonnenhitze nach der Vorstadt auf Oesterbroe, wo er wohnte, hingehen sollte. Darum sagte er auch in seinem halbdeutschen Patois: „Ah, Olanslagero magno ingenio, aber Faullenzer!“ Zuweilen wollte er mich durch die Aussicht auf größere Gage ermuntern, und sagte: „Singe Sie! Solle Sie Geld kriege.“ Einmal sprachen wir von der nordischen Mythologie: „Ah“, sagte er, „da habe Sie ja nur Othinus und seine Frau, und weiter Nix.“ Nun kramte ich all' meine nordisch-mythologische Weisheit aus, und glaubte, seine Unwissenheit damit recht zu demüthigen; aber mit einem zärtlichen Vaterlächeln legte er nur die Hand auf meine Schulter, und sagte mit einem Ausdruck des Beifalls, als ob ich zum Examen bei ihm gewesen wäre: „Bravo, Olenslagero!“ Er war ein sehr gutmüthiger riesengroßer Mann, mit einem langen schwarzen Zopf über dem grauen Frack. Seine Tochter Doris, schon etwas bei Jahren, und seine alte Frau mit dem kleinen Hunde auf dem Schoos, saßen im Nebenzimmer im Dunkeln und applaudirten, wenn man sang.

Der neapolitanische Singemeister.

Es that ihm leid, als ich ihn verließ. Später erwischte er Foersom, und wollte ihn zum Sänger ausbilden; aber da dieser auch keine Lust hatte, und es vorzog, Schauspieler zu werden, so wurde der heftige Neapolitaner ärgerlich, und rief zuletzt erbittert: „Nun so gehe Sie, gehe Sie, und werde Sie nur miserabile Comediante!“ Vor dieser Zeit war Foersom ihm bei verschiedenen Gelegenheiten behülflich gewesen. Sie gingen einmal zusammen aus, um Wohnungen anzusehen. Auf der anderen Seite der Straße stand ein armselig gekleidetes Frauenzimmer, aber keine Bettlerin. Feretti schritt gravitätisch zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kupferschilling in die Hand. Sie wurde verletzt und wollte ihn nicht haben; er aber glaubte, es sei Bescheidenheit, winkte großmüthig mit der Hand und ging weiter. Nun kamen sie in ein Haus hinein und sahen Wohnungen bei Leuten an, die noch dort wohnten. Feretti trat mit bedecktem Haupte mitten ins Zimmer und betrachtete mit stolzem Lächeln die kleine Wohnung. Drauf sagte er: „Für ein Bauer ist es zu viel, für ein Bürger ist es genug, für il profossore del Feretti ist es zu wenig“, und damit ging er wieder. — Er war übrigens, wie gesagt, ein sehr freundlicher Mann, fleißig und brauchbar in seinem Berufe, aber die Neapolitanernatur konnte er nicht verleugnen.