Und nun wird erzählt, wie der Held Otto in der Morgenröthe auf seinem Lager ruhte und zwei Wesen an seinem Kopfkissen standen und sich seiner zu bemeistern suchten: das eine der Fleiß, das andere die Furcht. Endlich siegte der Fleiß, die Furcht zog sich zurück, der Held sprang auf und ging, und der Sänger folgte ihm:

„Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen.
Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn öffnen,
Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner Ferse
In einen finsteren Saal durch Stangen geschützet.“

Dies war das Consistorium, in dem das Examen abgehalten wurde, und nun kam eine scherzhafte Beschreibung der Pedelle und Professoren, die den Helden Otto examinirten bis es vorbei war, und der „Dickwanst“ (einer der Pedelle) einen Folianten öffnete und schrie: „laudabilis prae ceteris.


Veränderter Lebensplan.

Dieses laudabilis prae ceteris stand mir selbst in meiner damaligen Stellung so fern, daß es mir unerreichbar schien; mehrere Mal beschloß ich, das Studiren aufzugeben, hatte aber doch nicht den Muth dazu. Endlich eines Tages, — ich entsinne mich dessen noch sehr gut, — gerade wie ich die lateinische Version zum Brief Pauli an die Römer, 2. Kap. 26., 27. und 28. Vers repetirte, — legte ich das Buch entschlossen hin, — ging zu meinem Vater, erklärte ihm, daß ich zum Theater gehen wollte, wenn er es erlaube, — daß ich hoffe, dort mein Glück machen, und ihm bald alle Kosten ersparen zu können. Er erlaubte es gleich, sprach mit dem Oberhofmarschall, späteren Oberkammerherrn Hauch, und dieser bestimmte mir einen Tag, an dem ich zu ihm kommen sollte. Nun putzte ich mich, so gut ich konnte; meine Mutter lieh mir einen goldenen Ring, um ihn, nach der damaligen Mode, auf das Halstuch zu schieben. Die langen, schwarzen Haare wurden geflochten und mit einem kleinen Kamm in den Nacken gesteckt. Aus falscher Schaam sagte ich meiner Schwester nicht, was ich vorhabe, bis sie es von Anderen erfuhr; das schmerzte sie; denn bisher war sie die Vertraute meiner Seele gewesen und ich hatte ihr Nichts verschwiegen.


Eintritt in das Schauspielerleben.

Der Oberhofmarschall hatte mich oft als einen halberwachsenen Jungen auf Friedrichsberg umherlaufen sehen, und wunderte sich wahrscheinlich darüber, daß dieser Junge bereits in seinem siebzehnten Jahre Cavaliere, Helden und romantische Liebhaber spielen wollte. Er stellte mir all' die Schwierigkeiten und Mühseligkeiten vor, die mit dem Schauspielerstande verbunden waren; aber es half Nichts. Er sagte mir, daß ich im Anfange nur sehr kleine Gage bekommen würde. Darum kümmerte ich mich nicht. Da ich in meinem Gespräche mit ihm doch wohl etwas Geistiges und Ungewöhnliches zeigte, so schien er endlich Lust zu haben, es mit mir zu versuchen. Aber er sagte: ich müsse erst vor allen Dingen tanzen und fechten lernen und mit Handschuhen gehen, weil ich zu rothe Hände hätte: Rosing wolle er mir zum Instructeur geben.

Das war es gerade, was ich wünschte. Ich eilte gleich zu Rosing hin, klingelte und er kam selbst und öffnete. Ich sagte ihm, was ich wolle; er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, betrachtete mich mit Kennermiene, und ich freute mich, weil ich in dieser Zufriedenheit zu entdecken glaubte. Als Richter und Kunstverständigen hatte ich ihn noch nie reden gehört; bisher hatte ich aus seinem Munde nur die Gedanken Anderer vernommen, jetzt merkte ich, daß er selbst beredt und ein Denker war, ein Mann von Charakter, fein, ohne Falsch, mit Selbstgefühl und doch bescheiden. Daß er beim Tageslichte älter, bleicher aussah, einige Runzeln hatte, und statt des gewöhnlichen Schmuckes auf der Bühne hier in einem einfachen grauen Fracke ging, machte ihn mir noch merkwürdiger. Seine Augen waren eben so schön, wie auf dem Theater, ja noch schöner; denn man konnte in der Entfernung bei Licht nicht ihre seltene, blaue Vergißmeinnichtfarbe sehen.