Madame Preisler hatte ihre Rolle auf der Bühne und im Leben ausgespielt, ehe ich kam; ich entsinne mich noch sehr gut eines warmen Sommertages, wo ich mich mit einer großen Menge Menschen in eine Wohnung hinaufgedrängt hatte, wo ihre Leiche ausgestellt war.


Michael Rosing.

Wer sich meine größte Bewunderung beim Theater zuzog, wen ich mit der ganzen Wärme des Jünglings liebte, wer mich besonders zur Bühne hinzog und über dessen Umgang und Vertrauen ich mich noch mehr freute als über die Kunst selbst — war Michael Rosing. — Rosing war ein echt poetischer Schauspieler, er besaß Begeisterung, Phantasie, Gefühl, Verstand, Geschmack in einem selten hohen Grade. Er war ein Norweger und bewahrte bei all seiner Weltkenntniß und Vielseitigkeit die größte Liebe für sein Vaterland und für alles Altnordische. — Ich habe in Talma Aehnlichkeit mit ihm gefunden; Talma's Talent war in dem Tragischen, das Rosing selten zu üben Gelegenheit hatte, ausgebildeter, aber dieser stand ihm gewiß nicht im tragischen Genie, so wenig wie in rascher männlicher Würde und Gluth nach.

Er war in Röraas, bei jenem melancholischen Kupferbergwerk zwischen Schneebergen in einem abgelegenen öden Winkel geboren. Hier war sein Vater ein armer Prediger. Als Knabe kam Rosing in die Schule nach Drontheim. Er hatte eine schöne Discantstimme, und sang mit hoher Begeisterung in der St. Olafs-Kirche, im großen Chore, der noch jetzt der Nachwelt erhalten ist; Rosing lebte mit seinen Phantasieen in der alten Zeit der Sagen. — Der später so bekannte Staatsrath Treschow, der erst jüngst nach einem bis zu seinem Todestage gesunden und kräftigen Leben gestorben ist, war vor 60 Jahren Rosing's Rector in Drontheim, aber Treschow kam sehr jung zu diesem Amt und war nur sechs Jahre älter, als sein Schüler. — In den Wissenschaften zeichnete Rosing sich nicht aus; er ging nach Kopenhagen, wurde Student, besuchte das Theater, verliebte sich in Fräulein Olsen, seine spätere Frau, fühlte sein Talent erwachen und wurde seiner Stimme wegen beim Theater angenommen. Aber nun mußte er sich darein finden, ein ganzes Jahr ohne Umgang mit seinen Landsleuten zu leben, um sich den norwegischen Accent abzugewöhnen, den er als Drontheimer in hohem Grade hatte, und auch nie ganz ablegte; aber er kleidete ihn gut, da er gemildert und mit der Sprache seiner Umgebung verschmolzen war. Er debütirte als Orosman in Voltaire's Zaire, von Tode in schlechten schleppenden Alexandrinern übersetzt. Indessen machte er gleich Glück. Von keinem Schauspieler habe ich die Liebe zum Weibe so tief, so wahr, so schön und rührend darstellen sehen, als von Rosing. Daher kam es, daß man in jedem Stücke, in dem eine Liebesscene vorkam, aus welcher nur irgendwie Etwas zu machen war, eines schönen Genusses sicher sein konnte, wenn Rosing die Rolle spielte. Vieles, das man sonst langweilig fand, wurde durch die Art und Weise poetisch, wie Rosing es auffaßte. Nie gab er sich einer hohlen, schreienden Declamation, einer egoistischen Eitelkeit hin; er lebte und athmete in dem angebeteten Gegenstande, vergaß sich selbst, sein schwimmendes, blaues Auge auf sie gerichtet, ganz ihr gegenüber; aber die Zuschauer vergaßen ihn nie.

Und nun sein vortrefflicher Almaviva im Figaro, wobei er sein Genie gerade dadurch zeigte, daß er den Gegensatz seines natürlichen Gefühls darstellte; die kalte herzlose Buhlerei eines Junkers, der bereits im Verblühen ist; aber mit aller Politur des Hofmanns. Diese Feinheit zeigte er noch größer, zu einem hinterlistigen, heimlichen Gift sublimirt, in dem entsetzlichen Marinelli, aus dessen Eisbrust nur zuweilen die Höllenflammen aufschlagen, so wie die Gluth des Hekla in einer dunkeln Winternacht. Endlich sein ausgezeichneter Graf Gerhard in Niel's Ebbesen, wo sein ganzes Wesen und Benehmen uns das Genie und das geistige Uebergewicht ahnen ließ, das Gerhard erst hochmüthig und zum Menschenverächter machte und ihn darauf in den Abgrund stürzte. Wenn Rosing sagte: „Da liegen sie nun unbekümmert, daß sie morgen zur Schlachtbank geführt werden! Und Dich Mensch, Dich sollte ich achten? Deinetwegen ein Werk aufgeben, das die Bücher der Weltgeschichte bewundern müssen? Sclaven, nur geschaffen, um einem blinden Triebe zu gehorchen, — um geschlachtet zu werden mögt ihr gut genug sein;“ — so ließ er uns ein tiefes Mitleid mit dem verblendeten Gerhard fühlen, dessen große Gaben zu Grunde gingen, weil ihm die Liebe mangelte. — Und wie konnte er da rühren?

„Wer die Liebe nicht liebt, den kann die Liebe nicht lieben,“ sagt Lavater. Der kalte Haß, die herzlose Verachtung kann niemals rühren, sie kann nur empören. Aber Rosing, ebenso wie Talma, fühlte, daß in der inneren Tiefe aller großen Menschen eine schlummernde, vielleicht sich selbst unbewußte Liebe ruhe. Freilich gestaltet sie sich zur Eigenliebe; aber jemehr Genie ein Mann hat, desto mehr nimmt er von Anderen in sich auf und liebt zuletzt, ohne es eigentlich zu wissen — nicht nur sich selbst in der ganzen Welt, sondern die ganze Welt in sich. Er glaubt, das Organ der Zeit zu sein — und er ist es ja auch, wenn er groß ist; denn Männergröße und Geistesgröße hängen leider nicht immer mit moralischer Vollkommenheit und Klarheit der Seele zusammen. Dieses schlummernde Gefühl rührt, wenn wir es in wichtigen Augenblicken erwachen sehen. So liegt in Gerhard's Entrüstung über die Schwäche der Menschen eine tiefe Unzufriedenheit darüber, daß der Mensch nicht mehr ist, was er sein sollte; und dieß rührt, weil es ihn selbst trifft. Es hat etwas Tiefergreifendes, eine große verirrte Kraft zu Grunde gehen zu sehen. Was giebt es Rührenderes, als wenn Napoleon, indem er dem Thron entsagt, umgeben von den alten Helden, den Adler an die Brust drückt und ihn zum Abschied küßt? Dieses Gefühl wußte Rosing auf wunderbare Art zu wecken und hierin besonders glich er Talma. Auch Ryge haben wir solche Gefühle in Hakon Jarl und anderen Stücken lebhaft erregen sehen.

Rosing und Rahbek.

Als Knud Gyldenstjerne in Dyveke gab Rosing Torben Oxe's treuen Bruder, Siegbrit's edlen, schonenden Feind unübertrefflich schön. Hier fällt mir eine Anekdote ein, die ich erzählen will, da sie sowohl zu Rosing's als zu Rahbek's Charakteristik beiträgt.

Rahbek mußte stets eine Dame haben, in die er unglücklich verliebt sein konnte. Dies versetzte ihn in seinen freien Stunden in einen elegischen Zustand, der ihm lieb war, mit dem er aber niemals seine Freunde belästigte; denn unter ihnen war er beim Glase Wein stets witzig und erzählte gern scherzend, was er gehört und erlebt hatte. Rahbek verliebte sich also gleich in seiner Jugend in Fräulein Olsen, die bald Rosing's Gattin wurde. Rosing war sein Universitätsfreund, Rahbek kam oft in dessen Haus, und hatte also hier, wie im Schauspielhause, Gelegenheit genug, seine Gefühle zu nähren. Diese waren nun, wie Alle, die Rahbek gekannt haben, wissen, so platonisch und super-petrarchisch, daß sie nie Jemand auch nur im Entferntesten beunruhigen konnten. Rosing war ein sehr schöner Mann und wurde von seiner Frau innig geliebt; dadurch gestaltete sich aber die den gewöhnlichen Verhältnissen ganz entgegengesetzte Situation so, daß Rahbek auf Rosing eifersüchtig wurde und als Folge hiervon mehr als sonst geneigt war, ihn zuweilen zu tadeln. Hierzu kam, daß sie aus verschiedenen Schulen waren. Rosing hatte sich selbst gebildet; Rahbek bewunderte den verstorbenen Schauspieler Rose; und hatte durch Schröder, Jünger und Iffland Geschmack an dem bürgerlichen Idyll mit seinen stillen, feinen Schattirungen gefunden; zu Rahbek's größter Verwunderung spielte auch Madame Rosing vortrefflich in dieser Gattung von Stücken. Für das mehr Heroische, welches reichere Phantasie und stärkeres Gefühl forderte, hatte Rosing viel mehr Sinn; aber dies lag nicht so sehr in Rahbek's Sphäre.