Es schien nicht, daß wir ferner einen feindlichen Ueberfall zu fürchten hätten; aber unruhig waren die Zeiten noch, und Waffenübungen machten arge Eingriffe in meine nächtliche Ruhe, deren ich in diesen Jahren, wo ich noch wuchs, zu bedürfen glaubte. Jeden Morgen um 6 Uhr mußten wir in dem kalten Märzmonat auf der Reitbahn am Christiansburger Schlosse sein, um Exercitien zu lernen. Als Sergeant mußte ich meiner Compagnie mit gutem Beispiele vorangehen, zuerst auf dem Platze sein, wenn die Uebungen beginnen sollten, und alle Namen aufrufen. Aber dann war auch die Arbeit vorüber, denn wir Unteroffiziere exercirten nicht mehr, und deßhalb fror uns auch am meisten. Verschiedene Scherze, die vorfielen, und für den Augenblick das Zwergfell erschütterten, konnten uns doch nicht lange warm halten; einige davon waren drollig genug.
So war z. B. in unsere Compagnie, die, wie die anderen, größtentheils aus lauter schlanken Jünglingen bestand, ein großer fetter Gastwirth gekommen, der sein Recht als alter Baccalaureus geltend machte, weil er lieber im Studentencorps, als im Brandcorps oder einem andern bürgerlichen Corps dienen wollte, wo er größeren Strapazen ausgesetzt zu sein fürchtete. Er war ein witziger, lustiger Kopf, aber er konnte es nicht leiden, wenn man auf seine Dicke stichelte, und er stand wie eine Art Falstaff unter uns. Der Major, der uns einexercirte, war ein muntrer Kriegsmann, der gern mitunter einen Scherz machte. Wenn er nun commandirt hatte: „Richt't Euch!“ so hieß es oft hinterdrein zu dem corpulenten Flügelmann: „Den Bauch 'nein, lieber Freund!“ Nun zog der Flügelmann den Bauch ein. Darauf untersuchte der Major die Rückseite der Linie, und dann hieß es wieder: „den Hintern 'nein, lieber Freund!“ — Nun wurde der dicke Flügelmann ungeduldig und rief: „Aber um Gotteswillen, wie soll ich mich denn drehen und wenden? Ich kann doch nicht in mich selbst hineinkriechen, und zum Theil verschwinden. Mein Körper muß doch seinen nothwendigen Kubikinhalt haben.“ Nun lachte die ganze Compagnie, und das war es gerade, was der Major und der Flügelmann wollten.
Der Generalmarsch.
Wenn der Wirth hier den Falstaff spielte, so fand ich selbst mich bald darauf in einer nächtlichen Scene als Don Quixote. Ich war eines Abends sehr früh zu Bett gegangen, weil ich durch die vielen Morgendienste ermüdet worden war. Wie ich gerade im süßesten Schlummer liege, werde ich plötzlich durch eine Trommel geweckt. Nun war uns in den ersten Tagen bei der Parole gesagt, daß wir uns augenblicklich, so wie Generalmarsch geschlagen würde, bewaffnen und auf der Reitbahn versammeln sollten, denn dann war entweder der Feind im Lande, oder die Stadt wurde bombardirt. Kaum hörte ich also die Trommel, als ich rief: „Nun ist die Stunde gekommen! Es gilt den König und das Vaterland! In Gottes Namen, unverzagt!“ Ich hatte bereits die Strümpfe, Beinkleider und Stiefeln an, und wollte mich eben mit dem Schwerte umgürten, — als es wieder trommelte, und ich hörte, daß es der Zapfenstreich sei, der jeden Abend durch die Straße ging. — Ach, mit welch seligem Gefühle schlüpfte ich wieder in's Bett, und überließ mich einem ungestörten Schlummer.
Erleichterungen im Dienste.
Früher hatten wir fast Alle nüchtern den Dienst thun müssen, denn die Meisten von uns konnten keine Erquickung zu so früher Stunde erhalten; aber nun wurde ein Marketender in den Colonnaden an der Reitbahn angestellt, bei dem man sich etwas zu Gute thun, und einen Zwieback und eine Tasse Thee bekommen konnte, wenn man zwei Schillinge hatte. (Ich hatte sie nicht immer). Freilich war der Thee so schwach, daß man ihn fast nicht schmecken konnte, und auch vom Zucker merkte man nicht gerade viel; aber für die Hauptsache war gesorgt, denn das Milchwasser war kochend heiß, und so konnte man sich doch wenigstens innerlich erwärmen.
Ein Glück kommt selten allein. Als ich eines Morgens umherging und in die königlichen Ställe blickte, während die Compagnieen excercirten, entdeckte ich einen leeren Stand mit einem Haufen frischen Strohs, wo ich fand, daß wir Sergeanten vortrefflich schlafen könnten, wenn wir die Namen verlesen hätten. Kaum hatte ich meinen Kameraden diese Entdeckung mitgetheilt, als wir einen Augenblick später auf dem Strohe lagen, wie beim Homer des Proteus flossenfüßige Seehunde auf dem Sande. Von diesem Tage an schliefen wir jeden Morgen in dem warmen Stroh, nachdem wir erst unsern heißen Thee getrunken hatten.
Bei der Fahnenweihe waren die Studenten auf dem Platz vor Amalienburg versammelt. Die Offiziere und Unteroffiziere kamen in die Zimmer zur königlichen Familie hinauf. Die Fahnen lagen auf dem Tische, und der Fahnenschmied stand dabei. Zuerst reichte er dem Kronprinzen einen Nagel; Se. Königl. Hoheit schlug ihn ein; darauf die Kronprinzessin, die ganze Königl. Familie, und endlich, nachdem der Chef und die Offiziere ihre Nägel eingeschlagen hatten, kam auch die Reihe an uns Sergeanten. Als die Fahnen fertig waren, trugen wir Fahnenjunker sie zu den Bataillonen hinab, wo der Eid geleistet und ein kecker Thaarup'scher Gesang nach einer schönen Melodie des alten Zinck abgesungen wurde.