Der Dichter Pram.

In Dreyer's Klub machte ich die Bekanntschaft des Dichters Pram, eines feurigen Norwegers, voller Geist und Herz, mit großen Talenten, der sich aber mit zu vielen Dingen abgab, als daß er es in irgend einem zur Vollkommenheit hätte bringen können. Er schrieb nicht nur lyrische und epische Gedichte, heroische Dramen und Komödien, Singspiele und prosaische Erzählungen, sondern auch große, statistische Abhandlungen; er war Oekonom im Commerzcollegium, politischer Schriftsteller in der Minerva und opferte viel Zeit finanziellen Berechnungen. In Allem, was er unternahm, sah man den Mann von Kopf; aber da er so rasch arbeitete, hatte er, wie Madame Sevigné (und ich glaube Plinius vor ihr) sagt, nicht Zeit kurz zu sein, sondern drückte sich gewöhnlich weitläufig in schwerfälligen Perioden und Parenthesen aus. Ueberhaupt schien er nicht von der Natur das Talent bekommen zu haben, sich mit Leichtigkeit auszudrücken. In seinem epischen Gedichte Stärkodder stehen besonders die holprigen Verse und die Weitläufigkeiten vielen einzelnen Schönheiten im Lichte. Man reist, wie früher, auf dem Steindamme von Hamburg nach Lübeck. In einigen seiner Theaterstücke und Novellen sind gute Scenen und Stellen, in denen sich die dänische Nationalität mit Humor äußert. Sein Gedicht Emiliens Quelle ist mir stets als das hübscheste erschienen.

Dieser vortreffliche Mann kam mir gleich freundlich und vertraulich entgegen. Wir mußten auch Brüderschaft mit einander trinken. Ich habe keinen Menschen gekannt, der einen so hohen Grad von Gutmüthigkeit und Wohlwollen mit einer so aufbrausenden Heftigkeit vereinigt hat. Aber er meinte nichts Böses damit, und wer ihn kannte, betrachtete sein Lärmen, wie das Klappern einer Mühle, während das nährende Korn dabei gemahlen wird. Freilich konnte Der, der den sausenden Flügeln zu nahe stand, zuweilen auf eine tüchtige geistige Ohrfeige rechnen. Er hatte keinen Freund, dem er nicht die Thür gewiesen und mit Prügeln gedroht hätte; und er hatte doch viele Freunde, und war von Jedem, der ihn kannte, herzlich geliebt. Alles Inländische von einigem Werth schätzte er hoch; aber er war, wie die meisten Dichter damals, aus der französischen Schule und tadelte eifrig Göthe und Schiller; Lafontaine und Kotzebue ließ er dagegen gelten, weil sie keine Opposition gegen den französischen Geschmack bildeten. Hat man nicht auch in Paris lange Zeit Kotzebue Göthen vorgezogen? Und Menschenhaß und Reue und die zwei Brüder wurden im Théâtre français gespielt, beweint und beklatscht; eine Ehre, die kaum Göthe zu Theil werden wird.

Ich hatte eine kleine nordische Erzählung, die sich jetzt, durchaus umgearbeitet, in Hroar's Sage befindet: Erik und Roller, geschrieben und wollte gern Pram's Urtheil darüber hören. Er bestimmte mir einen Tag zum Vorlesen. Ich kam zur festgesetzten Zeit, fand ihn aber nicht zu Hause. Einige Tage darauf besuchte ich ihn wieder, ohne das Manuscript mitzubringen. Ich begrüßte ihn freundlich und sagte ihm bescheiden und ohne Vorwurf, daß ich vorgestern nach seiner Erlaubniß bei ihm gewesen sei, ihn aber nicht getroffen habe. — „Was?“ rief er aufgebracht, — „willst Du auf mich sticheln weil ich nicht zu Hause war? Dann geh' wieder und fahr' zur Hölle!“ — Ich bedachte mich einen Moment, was ich antworten sollte. In demselben Augenblick kam das Mädchen herein und stellte eine Tasse Kaffee für ihn auf den Tisch. „„Nein,““ — antwortete ich nun ruhig, — „„ich gehe nicht, sondern ich bleibe hier und trinke Kaffee mit Dir!““ — „Das kannst Du auch!“ — antwortete er gleich wieder freundlich gestimmt, indem er mir die Hand zur Versöhnung reichte; und zum Mädchen sagte er: „Bring' dem Herrn da auch eine Tasse!“ So hatte ich auf eine freundliche Weise den guten Pram darauf aufmerksam gemacht, daß er mein Wirth sei, und sich davor hüten müsse, die schöne Pflicht der Gastfreundschaft zu übertreten. Nun waren wir wieder Freunde, aber von der Novelle sprach ich nicht mehr, habe ihm auch nie wieder Etwas von meinen poetischen Producten vorgelesen; dagegen erwies er mir späterhin oft die Ehre, meinen ästhetischen Vorlesungen beizuwohnen.

Deutsche Schriftsteller in Dänemark.

Die Tragödien des unsterblichen Schiller setzten alle Kenner in Erstaunen. Bekanntlich waren der Herzog von Augustenburg und Graf Schimmelmann seine Wohlthäter; er sandte ihnen daher stets seine Stücke im Manuscript, ehe sie gedruckt wurden. Man las sie in einem gebildeten Kreise vor und beurtheilte sie, und auf diese Weise hatte Schiller hier in Kopenhagen einige seiner ersten Bewunderer. Aber dies waren Deutsche! Die Dänen fingen erst später an, ihn zu verstehen und zu genießen. Alles muß seine Zeit haben; selbst das Licht bedarf langer Zeit, um seine Strahlen von den Fixsternen zu den Planeten zu senden; und erst jetzt beginnt man ja in Frankreich und England Deutschlands großen Geistern Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.

Die älteren dänischen Schriftsteller, besonders Thaarup und Pram, konnten Göthe und Schiller nicht leiden. Rahbek mochte damals nur den ersten Göthe, wie er ihn nannte, den Verfasser Werther's, Götz' von Berlichingens, Stella's und Clavigo's. Von Schiller liebte er damals nur die Räuber, Fiesco und Cabale und Liebe. Später hat er selbst Wilhelm Meister und mehrere Stücke übersetzt. Baggesen (den wir fürs Erste nicht mehr zu den Dänen rechnen durften) bewunderte Schiller; aber gegen Göthe hatte er einen eingewurzelten Haß, der wohl für den Augenblick gedämpft wurde, aber bald wieder aufs Neue ausbrach; welches sein Faust beweisen kann, wenn er ohne spätere Veränderungen gedruckt wird.

Ein junges Blut wie ich, hatte also genug zu thun, um seine, noch nicht durch philosophische Klarheit befestigten Ansichten im Umgange mit Aelteren zu äußern und zu vertheidigen, deren Gespräche stets seine liebsten Gefühle verletzten. Mit Pram disputirte ich zuweilen, bis er rasend und ich hitzig wurde. — „Höre,“ sagte er einmal, als wir von Schiller sprachen, „wenn ich einem deutschen Unteroffizier sage: Du sollst mir so ein Stück schreiben, wie Wallenstein, und der Schlingel es nicht in vierundzwanzig Stunden thut, so hat er siebenundzwanzig Stockprügel verdient!“ Nun brach ich in ein Lachen aus, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: „„Lieber Pram, und wenn man Dich todt schlüge, Du könntest nicht eine einzige solche Scene schreiben.““ — „Das ist, meiner Treu, sehr möglich,“ sagte er nun ganz freundlich; „ich habe auch nicht von mir gesprochen.“ Er brach auch eigentlich nicht in Zorn gegen Schiller aus, sondern nur gegen mich, den Jüngern, der ihn, den Aeltern, hofmeistern wollte.

Niemals schrieben Pram und Thaarup eine Zeile gegen die großen deutschen Dichter; sie machten nur zuweilen unüberlegt ihrer bösen Laune in Worten Luft. Bedenkt man dagegen, wie unverschämt und einfältig der Holländer Bilderdyck von den großen deutschen Meistern gesprochen hat, so stehen die Dänen im Vergleich zu ihm mit der Palme in der Hand da.