Erwachendes Selbstgefühl.

Während ich nun mehrere solch' herrliche Bücher las, ging es mir, wie Correggio, der das Raphael'sche Bild sah und ausrief: „Anch'io son' pittore!“ oder wie der gute Hans Sachs in Göthe's Holzschnitt:

„Er fühlt, daß er eine kleine Welt
In seinem Gehirne brütend hält;
Daß die fängt an zu wirken und leben,
Daß er sie gern möchte von sich geben.“

Dieses Gefühl äußerte sich auf eine wunderbare, fast komische Weise eines Abends bei Oersteds, als der Physiker, das Doctor-Examen gemacht hatte, und einige junge und ältere Männer der Wissenschaft bei ihnen waren. Sie sprachen zuerst über verschiedene gelehrte Dinge. Ich saß still in einem Winkel, leerte zuweilen mein Glas, füllte die Gläser der Anderen und ließ sie reden; wie ich überhaupt selten laut in großen Gesellschaften bin. — Nun kam endlich auch die Dichtkunst an die Reihe, und in Bezug hierauf äußerte eine barmherzige Seele ihr Mitleid mit der dänischen Dichtkunst, daß sie seit Ewald's Zeiten so außerordentlich gesunken wäre. Bei diesen Worten erfüllt mich Geist und Feuer, ich stehe rasch auf, trete mitten in den großen Kreis, sehe ihnen Allen kühn und stolz in die Augen und rufe, indem ich mit geballter Faust auf den Tisch schlage: „Ja, es ist wahr, sie ist gesunken, aber sie soll sich, hol' mich der Teufel, wieder erheben.“

Ich hatte damals noch nichts Andres drucken lassen, als einige Lieder und ein kleines Stück: „der zweite April“, eine dramatische Situation, wie ich es nannte. Ich durfte mich nicht beleidigt fühlen, wenn mich die ganze Gesellschaft ausgelacht hätte; aber mochten sie mich nun aus Gutmüthigkeit nicht demüthigen, oder glaubten sie vielleicht, in dem Kerl muß doch Etwas stecken; — genug, sie schwiegen, blickten mich verwundert an, und nicht einmal ein spöttisches Lächeln strafte mich. Aber dieser Hochmuth war gerade allein geeignet, mich zu demüthigen; ich schlich mich wieder in meinen Winkel zurück und fühlte, daß ich eine Dummheit begangen hatte. — Aber Oersteds, meine Freunde, betrachteten es als eine Prophezeihung. Wir glaubten schon damals gegenseitig von einander, daß Jeder von uns in seinem Fache es weiter als bis zu dem Gewöhnlichen bringen würde.


Lustige Streiche.

Wenn ich nun im Klub war, und die große Bowle geleert wurde, so füllten die Anderen zuweilen tüchtig mein Glas, weil sie bemerkt hatten, daß meine Schüchternheit und mein Schweigen verschwanden, und daß ich lustig und gesprächig wurde, wenn ich einige Gläser getrunken hatte. Eines Abends auf der Straße, als wir aus dem Klub gingen, beschuldigte mich Einer im Scherz, daß ich einen Rausch hätte. Ich bat gleich die forteilende Schaar, einen Augenblick zu warten und rief: „Meine Herren, hier muß eine Ehrensache entschieden werden, ehe wir weiter gehen. Mein Freund dort beschuldigt mich, betrunken zu sein; um ihm und Euch Allen nun meine Nüchternheit zu beweisen, werde ich an jener Leiter, die dort hängt, auf den Laternenpfahl hinaufklettern und Euch eine Rede halten!“

Es war dem Klubhause schräg gegenüber, auf einem Platze mit Planken eingefaßt, wo die abgebrannte Synagoge gestanden hatte. Ich weiß nicht, ob es Mangel an Geld oder an Gottesfurcht gewesen war, der die Gemeinde gehindert hatte, die Synagoge wieder aufzubauen. Aber so viel ist gewiß, daß daselbst nur ein Plankenwerk mit einem Laternenpfahl stand, an dem sich nicht einmal eine Laterne, wenigstens nicht an diesem Abend, befand. An der senkrecht hängenden Leiter kletterte ich also hinauf und stand oben auf dem kleinen Quadrat des Laternenpfahls, um zu beweisen, daß ich keinen Rausch hatte; ein handgreiflicher Beweis dafür, daß ich gerade einen hatte, denn nüchtern wäre ich bestimmt herabgefallen, wie ein Nachtwandler vom Dache, wenn man seinen Namen ruft. Wie ich nun da oben stand und zur Erbauung der rund umher Versammelten redete, kam der Wächter und fragte: „was ich da zu thun hätte?“ — Ich antwortete ruhig: „„Ich studire Astronomie!““ Nun wollte er Lärm machen; aber meine Zuhörer, unter denen mehrere Offiziere waren, riethen ihm, einen jungen Menschen nicht in seinen Studien zu stören. Er ging seiner Wege, und ich stieg glücklich wieder herunter, ohne mir Hals und Beine zu brechen.