J. Mynster hatte mich also von der falschen Sentimentalität geheilt, und Bentzon mich auf das tüchtige Objective aufmerksam gemacht. Das war Alles ganz gut, aber nicht genug; ich bedurfte wieder Etwas für das Herz. — Der herrliche Wilhelm Meister hatte mich sehr erquickt; besonders, da ich mich — wenn nicht von der Seite des Characters, so doch von der Seite der Ereignisse — in so naher Verwandtschaft mit Wilhelm Meister fühlte, daß ich oft in den ersten Büchern meine eigne Lebensbeschreibung zu lesen glaubte. Das Marionettspiel, die Characterschilderung von Mariane, Philine, die Abenteuer mit den Schauspielern und Seiltänzern erfreuten mich unendlich. Den Besuch bei dem Grafen und der Gräfin, den närrischen, protegirenden Baron mochte ich auch sehr gern. — Aber Jarno und Lothario waren mir zu kalt vornehm. Es gefiel mir nicht, daß Wilhelm sich von den steifen und stolzen Formen der Convenienz imponiren ließ; besonders da ich die Absicht bei dem Dichter zu bemerken glaubte, der vornehmen Welt das Wort zu reden. „Die Bekenntnisse einer schönen Seele“ machten mich oft an meine Mutter denken; — deßhalb waren sie mir lieb, obgleich ich mich in dieser Welt nicht recht zu Hause fand. Unendlich dagegen entzückte mich der Harfenspieler und Mignon; in ihren herzergreifenden Liedern erkannte ich ganz den ersten Göthe, in ihrer Schilderung den vollendeten Meister wieder.
Jean Paul.
Aber meine nach Liebe dürstende Seele konnte sich mit diesen classischen Dichtungen nicht begnügen; ich bedurfte eines unendlichen Dichtermeeres, in dem mein Geist sich wiegen und in Ahnung, Sehnsucht und Wehmuth, in Laune und Uebermuth taumeln konnte; und dies fand ich, als O. H. Mynster mich mit Jean Paul bekannt machte — und ich seinen Hesperus, Siebenkäs und das Campanerthal gelesen hatte. Freilich mußte ich mich hineinarbeiten; viele Gleichnisse und Anspielungen verstand ich nicht; ich mußte über Haiden gehen, durch Moräste waten, und Dornengebüsche durchbrechen, um zu den schönen Oasen zu gelangen, welche mitten in der Wüste der Weitläufigkeit lagen. Aber wenn ich nun dort stand, wie labte mich die Quelle, wie belohnt fühlte ich mich. Jean Paul hat ausgesprochen, was kein anderer Dichter auszusprechen wagt. Oft beginnt er da, wo Andere schweigen, und setzt seine Rede fort, bis sie gleich himmlischer Musik in den Wolken verschwindet. Welche Kenntniß von Allem, welch tiefer Blick in das menschliche Herz, welch schöne Liebe für alles Schöne! Er hat sich an eine ermüdende Manier gewöhnt, die ihm zur andern Natur geworden und wohl auch ursprünglich aus seiner eignen hervorgegangen ist; aber er sollte sie gebildet und eingeschränkt haben, denn auch des Humoristen extravagante Natur läßt sich bilden, ohne das Characteristische zu verlieren. — Wie freuten mich seine komischen Figuren, seine Personen, die ungeachtet aller subjectiven Eigenheiten der Darstellung doch objective Wahrheiten behalten. Der Caplan, Victor, Flamin, Mathieu, die holde Clotilde, Leibgeber, Agathe, Stiefel. — Seine Characterzeichnungen erinnerten mich oft an das Bild eines Königs, das ich in meiner Kindheit gesehen hatte; es bestand aus lauter kleinen Sechsen, wenn man es genauer betrachtete, und war doch ähnlich. — Freilich flattert Jean Paul allzusehr in der Morgen- und Abendröthe umher, verliert sich allzu oft in der Milchstraße und den Nebelsternen; doch lohnt es sich wohl der Mühe, mit diesem Luftschiffer in dem poetischen Ballon in die Höhe zu steigen, wenn man auch zuweilen Nichts vor lauter Wolken sieht und von den Nebeln durchnäßt wird. Wie viele schöne Morgen- und Abendstunden habe ich nicht mit ihm in dem kleinen Garten meines Vaters unter dem Kirschbaume zugebracht, der seinen weißen Blüthenschnee auf die Blätter des Buches streute. Wie oft habe ich nicht seinen Namen auf dem Titelblatte bei der Lectüre seiner herrlichen Schilderungen geküßt; eine Gewohnheit, die ich stets habe, wenn ein Verfasser mich hinreißt.
O. H. Mynster selbst hatte Jean Paul's Bekanntschaft in Wien gemacht und ging in den ersten acht Tagen fast nicht aus dem Hause, um vom Morgen bis zum Abend in seinen Werken lesen zu können, obgleich ihm diese große österreichische Hauptstadt noch ganz fremd war.
Göthe sagt in einem seiner Briefe an Schiller: „Wenn man nicht sowohl von Werken, wie von Handlungen, mit liebevoller Theilnahme, mit einem gewissen poetischen Enthusiasmus spricht, so werden sie so vollständig zu Nichts, daß es nicht der Rede werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reale, das wieder Realität hervorbringt, alles Uebrige ist nur leer und eitel.“
Deßhalb, lieber Leser, suche ich jedes Mal, wenn ich von einem neuen Verfasser spreche, Dir meine Gefühle und die Freude auszudrücken, welche die Lectüre seines Buches mir bereitete; denn das ist ein wichtiges Stück meines geistigen Lebens. Du wirst leider nur allzu oft vortreffliche Werke auf den Tischen der kritischen Anatomen finden; sie schneiden einen großen Mann auf, um den Zuschauern die Breimasse zu zeigen, mit der er gedacht, den kalten Fleischklumpen, mit dem er gefühlt hat. Aber ich glaube, daß auch ein Kritiker Zeichen von Phantasie und Herz geben muß, und wer das nicht kann und doch kritisirt, kritisirt eben ohne Verstand. Man muß mit Geist von Geist, mit Witz von Witz, mit Phantasie von Phantasie, mit Verstand von Verstand, mit Kenntnissen von Kenntnissen sprechen. Sonst ist es Nichts! Ein Kritiker soll auch Künstler, Schöngeist, ein edler Mensch sein. Seine Untersuchung von dem Schönen muß selbst schön, von dem Edlen selbst edel sein, sonst bringt er ein Dunkel hervor, während er Andere aufklären will; er zerbricht das Kunstwerk mit plumpen Händen, wundert sich dann darüber, daß es keinen Zusammenhang hat, und trägt mehr, als irgend Einer zur Schiefheit der Gedanken und Gefühle und zur Verwirrung in der geistigen Welt bei.