Die Gebrüder Mynster.

In Dreyer's Klub war eine große Punschbowle, die bei gewissen feierlichen Gelegenheiten geleert wurde. Zu diesen Trinkgelagen waren die meisten guten Trinklieder, namentlich Rahbek's, verfaßt. Ich war eine Zeitlang oft Vorsänger und trank mit den Anderen, obgleich das Trinken niemals meine Sache war; aber die begeisternde Geselligkeit und der Gesang erfreuten mich. Auf diese Weise kam ich auch in eine nähere Bekanntschaft mit mehreren älteren, ausgezeichneten Männern, welche ich sonst nicht sobald oder nicht so genau kennen gelernt haben würde. Unter diesen waren die Gebrüder Mynster und Bentzon. Der Doctor, später Professor, Ole Hieronymus Mynster, war ein Jahr vorher mein Lehrer in der Naturgeschichte in der Schule für die Nachwelt gewesen. Ein vortrefflicher Kopf, voll von Humor, Verstand und Witz, ebenso wie sein Bruder, der jetzige Bischof Jakob Peter Mynster; doch war dieser stiller und gelehrter. Meine erste Bekanntschaft mit Jakob war gleich heilend, wenn auch für den Augenblick schmerzlich. Wir trafen, wie gesagt, in Dreyer's Klub zusammen, wo die Rede auf meinen Held Lafontaine kam, den Mynster so stark und scharf tadelte, daß mir die Thränen in die Augen kamen. Er hat mir später erzählt, daß es ihm herzlich leid that, als er sah, wie tief es den armen jungen Menschen schmerzte, dessen Gesicht er gleich gern mochte. — Indessen riß er mir das Band von den Augen, und überzeugte mich, daß in den Lafontaine'schen Romanen nicht Das lag, was ich bisher darin zu finden geglaubt hatte. Bentzon, der kurz darauf Regierungsrath und später Generalgouverneur in Westindien wurde, war ein junger, kräftiger Mann, obgleich er hinkte. Er hatte ein schönes Gesicht, seltene Kenntnisse, viel Scharfsinn, aber kein feines Gefühl. Er war übrigens im Umgange lebenslustig, freundlich gegen seine Freunde, bewunderte jedes Talent, achtete jede Tüchtigkeit. Gegen die Mittelmäßigkeit war er unbarmherzig, grob gegen die Eingebildetheit, im Ganzen genommen etwas arrogant, und in späterer Zeit etwas geizig. Was Wunder, daß er Feinde zu Dutzenden bekam, besonders als er durch Schimmelmann in jungen Jahren sein Glück machte. Aber er kümmerte sich nicht sehr darum.

Er war jedoch nicht ohne Eitelkeit, besonders verdroß es ihn, daß er hinkte; und obgleich er lächelte, wenn O. H. Mynster auf seine scherzende Weise sagte: „Da kommt der lahme Bentzon!“ ärgerte es ihn doch. — Da er aber gewöhnlich so hochfahrend war, freute es uns, ihn auf diese Weise etwas zu demüthigen. Eines Tages ging ich mit ihm vor dem Thore spazieren. „Oehlenschläger!“ sagte er, „sage mir aufrichtig, hinke ich sehr? ist es sehr zu bemerken?“ — „„Nein!““ entgegnete ich, „„wenn Du still stehst, merkt man fast gar Nichts.““ Diesen Zug habe ich später in meinem Fragment Knud Lavard benutzt.

Bentzon.

Bentzon hatte ein paar Jahr vor unserer Bekanntschaft eine ästhetische Preismedaille gewonnen. Er hatte sehr viel Sinn für das Derbe und Tüchtige in der Poesie; das Flache und Trivielle verachtete er. Er verstand gut Griechisch, und liebte die Genialität in den griechischen Werken. Goethe, dessen Geist in seinen späteren Jahren eine antike Richtung genommen hatte, bewunderte Bentzon besonders in solchen Werken, in denen sich dies aussprach. Sehr viel Gewicht legte er auf folgende Goethe'sche Verse:

Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,
Daß Martial sich zu mir auch der Verwegne gesellt;
Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten;
Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt;
Daß ich Natur und Kunst zu schauen mich treulich bestrebe;
Daß kein Name mich täuscht, daß mich kein Dogma beschränkt;
Daß nicht des Lebens bedingender Drang mich den Menschen verändert,
Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht?
Solcher Fehler, die Du, o Muse! so emsig gepfleget
Zeihet der Pöbel mich; Pöbel nur sieht er in mir.


Wilhelm Meister.