Aus der Schule der Madame Bergau avancirte ich in die des Küsters, wo Bernt Winckler, Sohn eines wohlhabenden Grundeigenthümers und Gärtners in der Stadt und ich Kameraden mit den Straßenjungen wurden. Wenn wir dazu kommen konnten, so spielten wir gern mit ihnen nach der Schulzeit Anschlagens, am häufigsten bei den Steinpfeilern des Thores, welches den Eingang zum Schloßgarten bildete. Hier saß ein alter Mann, der Brot, Aal und Branntwein verkaufte. Wenn ich ein paar Schillinge hatte, kaufte ich wohl ein Brot und ein Stück gebratenen Aal mit Salz und vielen Staub darauf. Das schmeckte mit besser als das leckerste Gericht zu Hause. Einmal wollte einer meiner Schulkameraden mich dazu verführen, auch einen Schnaps zu trinken. Ich hatte bereits das Branntweinglas in der Hand, als mein guter Engel in der Gestalt meines Vaters zum Gartenthor hereinkam. Vor Schreck verschüttete ich den Branntwein: glücklicher Weise sah er mich nicht und ging in der Ferne vorüber; aber die Furcht hatte mich davon curirt, dieses gefährliche Experiment zu wiederholen.
Naturgenüsse.
In dem von Voigt angelegten Südfelde hatte ich täglich ein Bild von englischer Natürlichkeit vor Augen, sowie in dem alten Garten von französischer Regelmäßigkeit und zwischen Beiden das italienische Schloß voll schöner Zimmer und Gemäldegalerien. Meine Umgebung war im Sommer und Winter so verschieden, wie die Natur. Im Sommer wimmelte es draußen von Menschen, von schönen geputzten Damen; der ganze Hof war dort, schöne Tafel- und Janitscharenmusik konnten wir Kinder jeden Sonntag hören. Von einer Galerie aus konnten wir die königlichen Herrschaften bei Tische sitzen sehen. — Das Südfeld dagegen war meist unbesucht, da es nur für den Hof bestimmt war. Aber mein Vater hatte den Schlüssel, und ich und meine Schwester machten viele Bekannte glücklich, wenn wir dort mit ihnen spazieren gingen. Da war es still und einsam, wie zehn Meilen von der Stadt. Wir besuchten das sogenannte Norwegische Haus, wo die große Natur im Kleinen täuschend nachgeahmt war; den Eremit in seiner Hütte, die Grotte mit den Crystallen und Erzstufen, einer Zauberhöhle gleich; das chinesische Lusthaus mit seinen großen Conchilienspiegeln, seinen bunten Bildern von Mandarinen und Damen mit Klumpfüßen; und den Glöckchen auf dem Dache, die sich im Winde bewegten und erklangen.
Einmal im Sommer machten wir gewöhnlich eine Wallfahrt nach dem Thiergarten, den schönen Strandweg entlang, oder über Ordrup, wo dann die uralten Buchen uns einluden, in ihrem Schatten die Erfrischungen zu genießen, die wir selbst mitgenommen hatten. Wir sahen dort den Seiltänzer und Kasperle, aßen im Grase und schnitten unsere Namen in eine dicke Buche, die sie noch trägt.
Leben im Winter.
Kam nun der späte Herbst, und zog die königliche Familie zur Stadt, so wurde auch der Schauplatz ein ganz anderer. Keine Musik mehr, keine Spaziergänger; aber Alles voll von Handwerkern und Arbeitsleuten auf dem Schloß und im Garten. Nun ging ich zwischen Maurern, Zimmerleuten, Tapezirern und Malern einher, zuweilen wagte ich mich sogar mit den Bleideckern aufs Dach hinauf. Und wie ich im Sommer die feine Lebensweise der großen schönen Welt bewunderte, so lauschte ich jetzt den Handwerksleuten ihr Wesen und ihre Eigenthümlichkeiten ab, und sah zu, wenn die Gärtner säeten, pflanzten oder Bäume pfropften. — Mit Eintritt des eigentlichen Winters waren wir auf dem großen Schlosse mit zwei Wächtern und zwei großen gelben Hunden ganz allein. Das ganze Schloß gehörte dann uns, und ich ging in die königlichen Zimmer, betrachtete die Gemälde und baute Luftschlösser. Wenn gutes Wetter war, so erlaubte mein Vater mir zuweilen in die Stadt zu gehen, um Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Mit sechs Büchern in ein blaues Taschentuch gebunden, auf meinen kleinen Stock gesteckt und so auf dem Rücken getragen, kam ich dann in der Dämmerung wieder nach Hause. Wenn wir Thee getrunken hatten, und das Licht auf den Tisch gesetzt war, so kümmerten wir uns nicht um Sturm, Regen oder Schnee. Mein Vater saß dann im Lehnstuhl mit dem kleinen Hund im Schlafrocke und las laut vor; oder ich selbst las leise und folgte Albert Julius und Robinson Crusoë nach ihren Inseln, schwärmte im Feenlande mit Aladdin umher, oder amüsirte mich mit Tom Jones und lachte über Siegfried von Lindenberg. Die meisten von Holberg's Comödien wußte ich halb auswendig.